Nr. 3, 1. Februar 2008

Glossen von Arthur Häny
Die Leere

Ich stehe in der riesigen Vorhalle des Hauptbahnhofs Zürich. Es ist gerade Stosszeit. Welche Masse von Menschen tummelt sich hier! Die wimmelnden Passanten gleichen Ameisen, die über eine graue Tiefe krabbeln. Kaum einer kennt den andern, und jeder geht eilig seines Weges, irgendwoher, irgendwohin. Der Bahnhof ist kein Ort des Verweilens, sondern nur eine unvermeidliche Durchgangsstation. Einsteigen, aussteigen, umsteigen - hier offenbart sich unverhüllt die Rastlosigkeit der Menschen! Ich stehe still und sehe dem Treiben zu.

Es dauert lange, bis das Gedränge nachlässt. Es gibt hier Flut und Ebbe wie überall. Begreiflicherweise haben die Leute gar keine Zeit, sich in der Halle umzusehen. Wie könnten sie zum Beispiel die Architektur eines Gebäudes würdigen, das sie beinahe im Laufschritt durchqueren? Eigentlich kommt das Ganze erst in den Blick, wenn sich die meisten Leute verlaufen haben und einige Stille eingekehrt ist. Erst jetzt blicke auch ich zu den grossen Halbmondfenstern hinauf, die rings an den Mauern schimmern und den dämmrigen Raum erhellen, und erst jetzt bemerke ich die arkadenartigen Bögen, die zu ebener Erde rings um die Halle gereiht sind.

Ich befinde mich mitten in einer riesigen steinernen Leere. Einer Leere mit wenigen Ausnahmen - ich bemerke noch eine grosse Bahnhofuhr und einen Leuchtkörper vorne im Raum. Und allzu auffällig schwebt die korpulente Dame der Niki Saint Phalle breitschenklig unter dem Dach, ein aufgeplusterter Engel der Sinnlichkeit. Sonst ist aber alles offen und leer, nur die Zugluft bläst durch die Halle hindurch, bis weit nach vorn zu den Bahnsteigen mit ihren Schienensträngen.

*

Die Leere dieses Gebäudes wirkt wohltuend auf mich. In unserer hektischen Zeit, in unserer übervölkerten Region haben wir nur noch selten Gelegenheit, wirkliche Leere zu erleben. Zur Eigenart der Halle gehört ihre mächtige Gelassenheit, ihr kühles Beiseite-Stehen, das sich durch kein auch noch so dichtes Menschengetümmel beirren lässt. Von drei Seiten schliesst sie mich ein; nur nach vorne, gegen die Bahnsteige zu, ist sie offen.

Ihre Mauern kommen mir vor wie Kulissen - wie die Kulissen eines grossen Theaters. Das Stück, das hier aufgeführt wird, ist die comédie humaine. Schauspieler sind die Passanten; sie spielen Szene um Szene des langen Dramas durch, dessen Ende noch gar nicht abzusehen ist. Auch wissen wir bis heute noch nicht, ob es sich dabei wirklich um eine Komödie - oder nicht doch vielleicht um eine Tragödie handelt - oder um beides zugleich.

*

Ich könnte mir vorstellen, dass ein ängstlicher Mensch, der den Bahnhof zum ersten Mal beträte, einen Anfall von Schwindel bekäme vor dieser grauen Fläche - dass er Hemmungen hätte, quer durch die Halle zu gehen, gleichsam mitten hinaus ins Nichts... Leere wirkt erschreckend auf uns - und es braucht schon Mut, um sie zu bestehen. Nicht umsonst hat man ja den Begriff des horror vacui geprägt.

Sogar die Bahnhofhalle selbst scheint gelegentlich den Mut zu ihrer eigenen Leere zu verlieren. Immer wieder finde ich sie angefüllt, ja überfüllt mit unzähligen Verkaufsständen! Eilends wie Pilze schiessen sie aus dem Boden und verwandeln das Steingelände im Nu in einen Markt. Da wird den Kaufwilligen alles Ess- und Trinkbare angeboten: vielerlei Brote, Früchte, Gemüse, Getränke… Damit verleugnet die ernste, dunkle Halle sich selber; sie ist gleichsam mit fliegenden Fahnen übergelaufen zum landläufigen Kommerz.

Aber es kommt noch schlimmer. Denn es gibt ja nicht nur den Markt hier; es gibt auch zuzeiten ein gigantisches Kino, das fleissig aufgebaut, ja geradezu aufgetürmt wird wie eine Arena. Dann projiziert man einen Film auf eine riesige Grossleinwand und fügt zu den Steinkulissen noch eine Lärmkulisse hinzu. Es tönt dann ohrenbetäubend. Die Stille scheint vielen Menschen unerträglich zu sein.

Im Wettlauf mit dem Kommerz ist also auch die Unterhaltungsindustrie zur Stelle und bemüht sich, das Publikum zu zerstreuen. Auch die Werbung darf nicht fehlen, viel Reklame und, nicht zu vergessen, die "News" dort vorne am Seitenausgang… Aber die meisten Leute eilen ungerührt durch das alles hindurch, und viele sind so sehr in ihre eigenen Angelegenheiten vertieft, dass sie ununterbrochen in ihr Handy hineinreden…

*

Es gibt bekanntlich nichts Neues unter der Sonne. Es geht auch heute noch zu wie vormals, "wie es in den Tagen Lots zuging: Sie assen, sie tranken, sie kauften, sie verkauften…" (Lukas 17, 28). Es ist den Menschen noch niemals leicht gefallen, Leere zu schaffen - sich aus den Konventionen und Zwängen der Gesellschaft herauszuhalten. Und doch, das müsste eigentlich jeder versuchen!

Die Bahnhofhalle erscheint mir auf einmal als ein Sinnbild unser selbst. So wie sie nämlich von all den Passanten durchflutet wird, so werden auch wir durchflutet von unseren allzu anhänglichen Wünschen und Sorgen, Hoffnungen und Ängsten... Nur selten sind wir so richtig leer… Zwar bemühen wir uns immer wieder, auszuräumen den alten Kram in unserem Innern, um Platz zu schaffen für etwas Neues.

Um dem Leben gerecht zu werden, müssen wir wirklich Leere schaffen - nicht jene Leere, die einfach nichts ist, sondern jene andere, schöpferische Leere, aus welcher noch alles werden kann. Jene Leere, aus welcher der zündende Funke springt. Die dämmernde Leere, in die das grosse Wort gesprochen wurde: Es werde Licht!

*