Nr. 3, 2. Februar 2007
Glossen
von Arthur Häny
Laugardagr
"Laugardagr", murre ich düster, wenn wieder einmal ein Tag
voll Haushaltpflichten über Marieluise, meine Frau, und mich hereinbricht...
Sie nimmt es meistens gelassener. Ich aber finde dann: "Sind wir eigentlich
für die Wohnung da oder die Wohnung für uns? Und auch die Spülmaschine
ist jetzt defekt, so dass ich sogar das Geschirr noch von Hand abwaschen muss
Laugardagr!"
Woher der merkwürdige Ausdruck nur stammt? Er ist ein Relikt aus jener Zeit, in der ich mich leidenschaftlich um die altnordische Dichtung bemühte. "Laugardagr" bedeutet im Altisländischen "Samstag". Und der Samstag ist für viele auch heute noch ein Tag des Haushaltens und Reinemachens. Übrigens ist ja nicht nur "Laugardagr" ein merkwürdiger Ausdruck, sondern auch "Samstag".
Die Namen der Wochentage! Wenn man sie auf ihre ursprüngliche Bedeutung hin untersucht, führen sie meistens auf verschollene heidnische Götter zurück. Aber was sagen sie uns in ihrer heutigen Gestalt? Der "Mittwoch" leuchtet am ehesten ein. Er sagt, was er meint. Doch bei den übrigen Tagen geraten wir in Verlegenheit. Hätten wir am Dienstag jemandem zu dienen? Wäre der Donnerstag anfällig für Gewitter? Am Freitag haben die Werktätigen noch immer nicht frei!! Nur beim Sonn- und Montag erkennen wir den Zusammenhang mit Sonne und Mond.
Sollte der Samstag vielleicht "Sumstag" heissen, weil wir da öfters mit dem Staubsauger in den Zimmern herumsumsen? Das Sumsen wäre dann zugleich ein Sammelbegriff für all jene Haushaltarbeiten, die einen gelegentlich düster stimmen. Aber zu Unrecht: die Wohnung will gepflegt sein, wenn man sich selber darin wohlfühlen soll.
Viele Zeitgenossen werden heutzutage den Samstag gar nicht mehr mit Haushaltpflichten assoziieren, sondern er ist ihnen zum eigentlichen Frei-Tag geworden! Früher arbeitete man ganz selbstverständlich auch am Samstagmorgen, die Arbeiter gingen in die Fabrik, die Angestellten ins Büro, die Schüler zur Schule. Und die Hausfrauen waren am Wochenende besonders gestresst.
*
Es ist doch immer schön, wenn ein Wort nicht Verstecken spielt, sondern geradeheraus die Wahrheit sagt. Da muss ich die Ehrlichkeit der alten Isländer loben. Denn während unser "Samstag" über komplizierte Wege auf den jüdischen Sabbat zurückgeht (und das englische "Saturday" auf den römischen Gott Saturn) - haben ihn die Isländer entmythologisiert und bleiben klar bei der Sache. "Laugardagr" heisst altisländisch genau das, was der Samstag für die Bauern dort war, nämlich der Bade- und Waschtag. "Laug" (bei uns zur "Lauge" entartet) konnte sowohl ein "Bad" als auch "Waschwasser" bedeuten. Es konnte sogar eine der heissen Quellen bezeichnen, wie sie auch heute noch auf Islands Hochebenen sprudeln und oft in Bäder abgeleitet werden. Das -ar von Laugardagr ist eine Genetivendung. Und "dagr" ist dasselbe Wort wie unser "Tag". Also Bades-Tag. Auch die heutigen Isländer halten noch immer fest an ihrem "laugardagur".
*
Einmal in der Woche veranstaltete man in alten Zeiten ein gründliches Reinemachen. Man hatte weder Duschen noch Waschmaschinen. Wenn man sich selber wusch, so geschah das oft in einem Bottich oder Zuber. Es ist übrigens noch gar nicht so lange her, dass auch bei uns der Samstag allgemein Waschtag war. Marieluise erinnert sich gut daran und berichtet mir, wie es damals zu- und herging: wie man die Wäsche am Waschbrett scheuerte oder Waschwasser mit Holzfeuer erhitzte - und wie sie von Hand eine Kurbel drehen musste, um eine vorsintflutliche Waschmaschine in Gang zu halten. Die rasante technische Entwicklung, die inzwischen eingetreten ist, hat den Hausfrauen grosse Erleichterung verschafft. Aber leider sind all die modernen Maschinen auch störungsanfällig und können uns, wenn sie versagen, gehörig frustrieren. Nicht nur Geschirrspüler, sondern eben auch Waschmaschinen, Eisschränke, Kaffeemaschinen und vor allem Computer.
*
Der Samstag war also früher ein Symbol des grauen Alltags. Und darum reizte es freiheitsdurstige Seelen, gerade an diesem Tag einmal auszubrechen aus dem Bann der Pflichten und Traditionen. Darüber habe ich einst einen kleinen Roman geschrieben, welcher "Der verzauberte Samstag" heisst. Diese Geschichte fängt an in Zürich und endet im Tessin, und es ist dazu noch eine Liebesgeschichte. Denn was wäre geeigneter, den Samstag sonntäglich zu verzaubern, als die Liebe?
*
So bleibt denn der Laugardagr nicht für immer der graue Waschtag. Die Farbe, in welcher ein Tag erstrahlt, hängt auch sehr von uns selber ab. Als banal und fahl erscheint er uns nur so lange, als wir selber innerlich grau sind. So lange, als wir selber in der Nebelzone des Gemütes verharren und das Abwaschen, Wischen und Staubsaugern, diese ganz ehrbaren Tätigkeiten, als eine Belastung empfinden. So lange, als wir nicht die Energie aufbringen, aus dem Mief und Tief der Depressionen hinaufzutauchen an die Sonne.
Im Grunde sollte man gar
nicht unterscheiden zwischen Samstag und Sonntag, oder besser gesagt, man
sollte jeden Tag als Sonntag empfinden, als ein Geschenk des Himmels. "Der
ganze Kalender hätte müssen rot gedruckt werden", sagt Goethe
von jener Zeit, als er in Charlotte Buff verliebt war. Aber man muss nicht
einmal verliebt sein, um heiter zu leben. Es gibt eine innerlichere Liebe,
welche die ganze Samstäglichkeit des Lebens aufhebt und uns dauernd in
Sonntagsstimmung versetzt: die unbedingte Liebe zur Schöpfung und dem,
der sie geschaffen hat.