Nr. 03, 06. Februar 2004

Sträflich vernachlässigtes Grenzwachtkorps
Sicherheit an der Landesgrenze gefährdet

Von Ulrich Schlüer

Das Schweizer Grenzwachtkorps steht jährlich während 365 Tagen für die Sicherheit des Landes im Einsatz. Täglich während 24 Stunden. Aber trotz eindrücklichem Leistungsausweis wird das Grenzwachtkorps vom Bund sträflich vernachlässigt ­ seit Jahren!

Die Erfolgsbilanz des Grenzwachtkorps ist eindrücklich: Tag für Tag werden an der Grenze Kriminelle enttarnt und gefasst, werden Scheinasylanten mit gefälschten oder trotz vernichteten Grenzpapieren identifiziert. Doch trotz überzeugender Erfolgsbilanz wird der Kontrollnotstand an der Grenze immer
dramatischer ­ eine Folge skandalöser politischer Fehlentscheide.

Notlösungen
Zwar trifft der Bundesrat Notlösungen: Er verstärkt das Grenzwachtkorps durch Festungswächter. Diese sichern die im Einsatz stehenden Grenzwächter ab. Die persönliche Sicherheit der Grenzwächter im Einsatz, bei der Erfüllung des Auftrags, ist von höchster Bedeutung. Der Auftrag der Grenzwächter aber ist, möglichst viele Personen aus dem Verkehr zu ziehen, die mit böswilliger oder betrügerischer Absicht die Grenze überschreiten wollen. Dazu ist umfassendes Know-how notwendig, über das zwar die Grenzwächter, nicht aber die Festungswächter verfügen. Je «dicker ein Hund» ist, desto besser vorbereitet riskiert er einen Grenzübertritt. In diesem Fall muss die Ausbildung des Grenzwächters zum
Tragen kommen. Know-how der Gangster gegen Know-how der Grenzwächter: Das ist der Kampf, den es für die Sicherheit des Landes zu gewinnen gilt. Dafür müsste die Eidgenossenschaft in mehr Grenzwächter und in umfassende Ausbildung dieser Grenzwächter investieren. Festungswächter helfen «nur» den Bereich der persönlichen Sicherheit des Grenzwächters abzudecken. Sie kosten mindestens gleichviel wie Grenzwächter. Die Verstärkung des Grenzwachtkorps durch Festungswächter sichert aber noch nicht die umfassende Auftragserfüllung, weil die Festungswächter für den Grenzwächterauftrag nicht ausgebildet sind. Mit Rücksicht auf ihre Wirkung ist der Einsatz der
Festungswächter nicht wirtschaftlich.

Schusswaffen-Einsatz
Dort, wo es ­ meist bewaffnete ­ Berufsverbrecher zu stellen gilt, können allein sorgfältigst trainierte Profis vom Grenzwachtkorps eingesetzt werden. Seit vermehrt Osteuropäer an der Grenze gestellt werden müssen, sind Waffen weit häufiger im Spiel als früher. Und ­ so lehrt die Erfahrung ­ osteuropäische Profi-Kriminelle greifen sehr rasch zur Waffe und schiessen direkt auf den Mann. Täglich kommt es so zu gefährlichen Zwischenfällen. Wer für solch brisante Situationen nicht sorgfältigst ausgebildet ist, ist chancenlos. Es geht nicht nur darum, die eigene Waffe im Notfall schneller
zu ziehen und damit treffsicherer zu schiessen als das kriminelle, skrupellose Gegenüber. Man muss auch blitzschnell erkennen und entscheiden können, wann die Waffe nicht eingesetzt werden darf ­ weil sonst ein aller Voraussicht nach Harmloser getötet oder verletzt würde. Und diese Entscheidung «Waffeneinsatz ja oder nein» muss gegebenenfalls innert Sekundenbruchteilen getroffen und umgesetzt werden. Es geht um Leben und Tod. Ohne sorgfältigste Ausbildung können derart gefährliche Situationen nicht bewältigt werden.

Wie lange noch unterdotiert?
Das führt zur Frage: Wenn der Bundesrat schon seit Jahren die notorische Unterdotierung des Grenzwachtkorps eingesteht, warum trifft er nur Notlösungen? Warum werden die längst festgestellten, gravierenden personellen Lücken nicht mit sorgfältig ausgebildeten Grenzwächtern gefüllt? Das Dauerprovisorium Festungswächter, die für den Grundauftrag an der Grenze nicht wirklich ausgebildet sind, ist gewiss nicht kostengünstiger als es die überfällige Schliessung der gravierenden Bestandeslücke im Grenzwachtkorps wäre.
Brüssel-orientierte Funktionäre zu Bern pflegen gerne darauf hinzuweisen, dass die Grenzwächter ja nur etwa drei Prozent aller Grenzpassanten zu kontrollieren vermöchten. Dies trifft zu. Doch kontrollieren die
Grenzwächter nicht wahllos oder stur bürokratisch jeden dreissigsten Passanten. Sie verlassen sich auf ihr geübtes Auge, auf Informationen, auf ihre Erfahrung ­ sie arbeiten mit Rastern (gewonnen aus sorgfältiger Auswertung erfolgreicher Aufgriffe) und gelangen damit zu einer erstaunlichen Erfolgsbilanz (siehe Kästchen): Von den rund hunderttausend an der Grenze An- und Festgehaltenen erwiesen sich letztes Jahr 34 000 als schwere Fälle, die der Polizei übergeben wurden. Leute, die ­ wenn die
Schweiz Schengen-Mitglied wäre und damit die Grenzkontrollen abgeschafft hätte ­ ohne Grenzwächterkontrolle mit böswilliger Absicht in unser Land gelangt wären. Zum Beispiel ein Kriminaltourist mit falscher Identität, der, an der Grenze als Lette identifiziert, mit 352 gefälschten Checks im Nennwert von je 100 Dollar entlarvt werden kann. Täglich werden Rauschgift-Grosslieferanten, Einbrecher, Gewalttäter, Kriminaltouristen ­ manchmal mit, manchmal ohne Werkzeug, manchmal mit, manchmal ohne Beute ­ gefasst. Oder es werden Beiträge zum «Bewegungsbild» von Verdächtigen geliefert, die früher oder später zur Ergreifung und Verurteilung von
Verbrechern führen.

Hochmotivierte Diener am Staat
Wer Grenzwächter je während einiger Stunden auf ihrem Posten bei der Arbeit beobachten konnte, wer je mit ihnen einen mobilen Einsatz absolvieren konnte, ist immer wieder beeindruckt: Grenzwächter sind hochmotivierte Kontroll-Spezialisten, deren Einsatz für die Schweiz und ihre Bewohner vorbildlich ist.
Dies, obwohl vor allem die jungen Grenzwächter geradezu beschämend unterbezahlt sind. Im November 2003 erhielten im Grenzwachtkreis II (Koblenz AG bis Splügenpass) 27 neu ausgebildete Grenzwächter ihren Arbeitsvertrag. Vierzehn dieser Grenzwächterinnen und Grenzwächter verdienen netto weniger als viertausend Franken im Monat. Die jüngsten acht netto gar nur wenig über dreitausend Franken. Alle hatten sie sich, bevor sie die Grenzwächter-Zweitausbildung aufnehmen konnten, über eine abgeschlossene Berufslehre auszuweisen. Die mickrige Entlöhnung erschwert die Rekrutierung neuer Grenzwächter erheblich. Allzuoft scheiden Grenzwächter, etwa wenn sie eine Familie gründen, trotz
hoher Motivation aus rein wirtschaftlichen Gründen vorzeitig aus dem Grenzwachtkorps aus. Weil sie, zum Beispiel in einem Kantonspolizei-Korps, in vergleichbarer Position monatlich ohne weiteres sechshundert bis tausend Franken mehr verdienen können. Da sind Korrekturen überfällig ­ wozu dem anforderungsreichen und gefährlichen Dienst für die Sicherheit von Land und Leuten endlich höhere
Priorität eingeräumt werden muss als den Hunderten von Bürokraten in Gleichstellungs-Büros, Antirassismus-Kommissionen, Bauverhinderungs-Bürokratien usw,. usw.

Die Funktionärshätschelung zu Bern auf Kosten der Kontrolldichte an der Grenze wird Konsequenzen zeitigen: Die Lücken im Grenzwachtkorps werden spürbarer, sobald die EU-Osterweiterung am 1. Mai Tatsache wird. Nicht nur Touristen, nicht nur Geschäftsleute, auch Kriminelle haben dann «freie
Fahrt» in Europa, völlig ungehindert von Grenzkontrollen. Die Schweiz wird die Auswirkungen zu spüren bekommen. Der Bundesrat, auch in neuer Zusammensetzung offensichtlich unschlüssig über die gegenüber der Europäischen Union einzuschlagende Politik, nährt weiterhin die Illusion, wonach ein Europa ohne Grenzkontrollen die Sicherheitsprobleme im Griff habe. Weil Brüssel dies so behauptet. Die negativen Auswirkungen dieser haltlosen Illusion wird die Bevölkerung zu tragen haben.

Ulrich Schlüer

(Alle Zahlen im heutigen Beitrag zum Grenzwachtkorps verdanken wir Oberst Toni Grab, bis
31. Dezember 2003 Kommandant des Grenzwachtkreises II)