Der aktuelle Frontseitenkommentar von Chefredaktor Ulrich Schlüer

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Am 22. Januar 1999 zum Thema:
Aussenminister Flavio Cotti verlässt sein Amt unmittelbar bevor die
Eidg. Räte die bilateralen Verhandlungen in Angriff nehmen.

Und ab und weg...!

Dies sei - wurde in diesem Land nun während etwa fünf Jahren gepredigt -
das allerwichtigste Geschäft überhaupt, prioritär zu verfolgen, alles habe
sich diesem für unser Land angeblich zentralen Anliegen unterzuordnen! Die
Rede ist von den bilateralen Verhandlungen mit der EU.
Mitte Februar werden die Mitglieder der eidgenössischen Räte das kurz vor
Jahresende unterzeichnete Verhandlungspaket mit all seinen untereinander
verflochtenen Details erhalten. Im Mai - wenn zuvor das EU-Parlament
mittels Akklamation Brüssel gegenüber das ganze Paket abgesegnet hat -
sollen die Aussenpolitischen Kommissionen beider Räte die Verträge mit all
ihren Einzelheiten durchberaten, damit diese National- und Ständerat
bereits im Juni zur Beschlussfassung unterbreitet werden können. So lautet
der offizielle Fahrplan.
Zuvor geschieht allerdings noch etwas anderes: Unser Aussenminister,
Bundesrat Cotti, verschwindet kurzerhand von der Bildfläche. Das
Krisenmanagement der CVP, die aus dem für Herbst zu erwartenden
Wahl-Waterloo wenigstens noch ihre beiden Bundesratssitze retten will,
schickt ihn Ende April vorzeitig in die Wüste. Mit der Folge, dass der
Koordinator und Gesamtverantwortliche für diese bilateralen Verhandlungen
genau dann ausser Dienst gezogen wird, wenn dieses aus Sicht des Bundesrats
wichtigste Geschäft vor den Kommissionen, vor dem Parlament und vor dem
Volk zu vertreten ist. Darf sich Cotti also rühmen, sich noch genau im
richtigen Moment dem Herrn Schüssel, dem Aussenminister unseres östlichen
Nachbarn, an den Hals geworfen zu haben, so haben Parlament und Souverän
bei der Diskussion der Folgen dieser Umarmung mit irgendeiner Ersatzlösung
vorliebzunehmen. So wird in der Schweiz von heute das wichtigste Geschäft
der laufenden Legislaturperiode vor Parlament und Volk abgefertigt. Die
Parteifunktionäre der nur noch auf Bundesratssitze versessenen, von
Wahlniederlage zu Wahlniederlage taumelnden CVP haben die Weichen so
gestellt - und die Medien spenden den Applaus dazu und Cotti kuscht. Was
gilt bei diesem Wahlkalkül denn noch das Landesinteresse, was gilt
angesichts des komplizierten, folgenreichen Vertragswerks noch
Verantwortung vor Volk und Parlament, wenn die CVP-Parteileitung nach
Strohhalmen des Überlebens zu fischen sucht. Mag doch irgendeine Neue, wenn
auch nur halbbatzig im Bild, dem Parlament und dem Souverän in dieser Sache
vorgeführt werden. Die Medien werden's - wenn es nur eine Frau ist - schon
zurechtbiegen.
Oder sind diese Verträge - die bis heute noch kein Parlamentarier im
Wortlaut gesehen hat - etwa derart schlecht, dass Cotti heilfroh ist, vor
deren parlamentarischer Beratung abtauchen zu können?
Ob es in diesem Land noch eine einzige ernsthafte Bürgerin, noch einen
einzigen ernsthaften Bürger gibt, die solches, von einer angeblich
staatstragenden Partei namens CVP inszeniertes Possenspiel noch ernst zu
nehmen vermag?

Ulrich Schlüer

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