Spalte rechts

Der aktuelle Frontseitenkommentar von Chefredaktor Ulrich Schlüer vom 30. Januar 2004

Unausgegorenes aus dem Bundesrat
So schweigt doch endlich!

Seinen Auftakt erlebte das bundesrätliche Programm des zwar lauten, doch einigermassen kopflosen Denkens letzten Sommer mit der salopp hingeworfenen Bemerkung des für die Sozialwerke verantwortlichen Bundesrats, man müsse wohl in Bälde das AHV-Alter 67 einführen. Eines hat Bundesrat Couchepin mit diesem Nebensatz erreicht: Verwirrung und Verunsicherung in der
Öffentlichkeit einerseits ­ nicht enden wollende giftige Polemik der politischen Linken andererseits.

Genau diese linke Polemik scheint ihn jetzt zu vermeintlich nachbessernder «öffentlicher Denkarbeit» zu motivieren: Der Erlös aus Alkohol- und Tabaksteuer ­ erreicht als neuste Luftblase aus Couchepinschem Departement die Medien ­ solle künftig statt der AHV der Krankenversicherung zugute
kommen. Wie das damit in der Altersvorsorge aufgerissene Loch zu stopfen wäre, dazu scheint dem so gern öffentlich denkenden (vor allem öffentlich daherschwatzenden) Departementsvorsteher indessen noch nichts wirklich Magistrales in den Sinn gekommen zu sein.

Hingegen scheint er mit seiner Geschwätzigkeit seinen neuen Parteikollegen im Bundesrat angesteckt zu haben: Dieser, erst wenige Tage im Amt, will die AHV plötzlich in eine Art Reichtumssteuer verwandeln, für welche die Reichen im Land zwar weiterhin viel zu bezahlen, aus der sie nach seiner Vorstellung aber künftig nichts mehr erhalten sollen.
Geschätzte Herren Bundesräte! Zwar sind die Probleme mit den Finanzlöchern in den Sozialversicherungen tatsächlich schwierig und komplex. Doch hört um Gottes Willen damit auf, sozusagen täglich mit neuen, völlig unausgegorenen, im Bundesrat nie ernsthaft diskutierten Gedankensplittern bei den Medien zu hausieren. Allein verärgertes Kopfschütteln in der Öffentlichkeit und bellendes Aufheulen der politischen Linken resultiert aus solcher Kopflosigkeit.

Zur Kollegialität in der Landesregierung gehört doch auch, den eigenen Mund zu zügeln, solange es nichts Substantielles zu sagen gibt. Wenigstens einer der Neuen im Bundesrat macht es derzeit vor: Am Anfang steht das konzentrierte, gründliche Einarbeiten, das sorgfältige Identifizieren der zu lösenden Probleme. Dann folgt das umsichtige Erarbeiten von Lösungen. Und erst auf der dritten Stufe ist die Diskussion über erarbeitete Lösungen und Lösungsvarianten angesagt. Jede andere Reihenfolge, besonders jede vorlaute Geschwätzigkeit über Unausgegorenes schadet dem gewiss nicht vor einfachen Problemen stehenden Land.


Ulrich Schlüer


**Weitere Kommentare**