Nr. 2, 18. Januar 2002

Beobachtungen und Überlegungen am Jahresanfang
Der Tag, an dem der Euro kam
Von Dr. Bruno Bandulet, Bad Kissingen/Deutschland

Silvester in Berlin. Ich stehe auf dem Boulevard «Unter den Linden» und friere ­ zusammen mit 600'000 Menschen, die beiderseits des Brandenburger Tores zur grössten Silvesterfeier Deutschlands zusammengeströmt sind. Im Vorjahr waren es noch eine Million. Das Fest nennt sich offiziell «Welcome 2002». Warum eigentlich nicht: «Willkommen»?

Vor dem «Adlon» wird das Glas Champagner für zehn D-Mark verkauft. Vom Euro redet niemand, fast niemand. Neben mir ein Berliner Ehepaar. Die Frau meint: «Na ja, jetzt kommt der Euro. Ob das wohl gut geht?»

Die eingebildete Euro-Feier
1. Januar, 20 Uhr, Tagesschau der ARD: Bilder von der Silvesterparty am Brandenburger Tor. Die Menschen hätten, so heisst es, den Euro gefeiert. Denselben Eindruck erweckt auch die Bericht- erstattung der «Bild-Zeitung». Wer nicht dabei war, muss es wohl glauben. Wer dabei war, versteht, wie Propaganda gemacht wird.

Dünne PR von Eichel
Zurück zum Brandenburger Tor. Gleich nebenan hat die Dresdner Bank einen sogenannten Euro-Pavillon aufgebaut. Dort postiert sich pünktlich um Mitternacht Finanzminister Eichel, zückt einen 200-Mark-Schein und lässt sich ihn von Dresdner-Bank-Chef Fahrholz in 102 Euro und 26 Cents umwech- seln. Eine PR-Aktion. Die Idee war wohl, dass die Bürger, begierig auf das Einheitsgeld, den Pavillon massenhaft belagern, geradezu stürmen. Die Realität sieht ein bisschen anders aus. Am 2. Januar berichtet der «Tagesspiegel»: «Hunderte versorgten sich in den ersten Stunden des Jahres im Euro-Pavillon mit dem neuen Geld.» Hunderte von 600'000.

Die Gallier, widerspenstig
Anti-Euro-Demonstrationen gab es nur in Paris. Die Zeitungen berichteten nur nicht darüber. Interessant in diesem Zusammenhang: Die euroskeptischen Politiker Frankreichs haben stark an Popularität gewonnen. Jean-Marie Le Pen steht in den Umfragen wieder bei 10 bis 15 Prozent. Ex-Innenminister Chevènement, der für das Amt des Staatspräsidenten kandidiert, wird von Chirac und Jospin plötzlich ernst genommen. Ich erinnere mich an einen Vortrag, den ich vor einigen Jahren vor der Technischen Universität Berlin über den Euro hielt. Nach der Veranstaltung kam ein französischer Student auf mich zu, erklärte sich als Anhänger von Chevènement und sagte, er sei voll und ganz meiner Meinung.

Der Umverteilungsstaat
Nach dem 1. Januar machten die Regierenden viel Aufhebens davon, dass die Währungsumstellung ohne grössere technische Pannen abgelaufen sei. Das war auch nicht anders zu erwarten. Schliesslich hatten die Banken jahrelang Zeit, sich auf den Tag X vorzubereiten. Schliesslich leben wir in einem perfekten Umverteilungsstaat. Das System ist längst darauf spezialisiert, Geld in dreistelliger Milliar- denhöhe pro Jahr einzusammeln (in Form von Steuern) und anschliessend nach Abzug der Bürokratie- kosten wieder unter die Leute zu streuen (in Form von Sozialleistungen und Subventionen).

«Spielgeld, Monopoly, wie fotokopiert»
Noch einmal zurück nach Berlin. Die «Berliner Zeitung» hatte in der Silvesternacht einen Reporter in die Sparkasse an der Greifswalder Strasse am Prenzlauer Berg geschickt. Um die Reaktion der Bevölke- rung zu registrieren. Um 0.35 Uhr kommen die ersten, um Euros aus dem Automaten zu ziehen. Zwei Studentinnen, Sabrina und Ulli: «Sieht aus wie Spielgeld», sagt Sabrina. «Wie fotokopiert», sagt Ulli. «Monopoly», sagt Sabrina.

Brückenmetaphorik
Am 3. Januar habe auch ich die ersten Euro-Banknoten in der Hand. Jemand hat auf Mark in Euro herausgegeben. Die Scheine: geschlechtslos, kulturlos, synthetisch. Die Brücken und Tore sind fiktiv. Man hat sich offenbar auf real existierende Bauwerke nicht einigen können. Man wollte offenbar keine nationalen Empfindlichkeiten verletzen. Auch der Vorschlag, Porträts grosser Europäer wie Erasmus, Beethoven oder Voltaire aufzudrucken, wurde von der EZB nie ernsthaft in Erwägung gezogen. Armes Europa. Ausserdem fällt auf, dass die Beträge auf den Noten nicht ausgeschrieben sind ­ dazu werden innerhalb der Währungsunion zu viele Sprachen gesprochen. Die Sonntagszeitung der «Frankfurter Allgemeinen» (30. 12. 2001) spricht von einer «vereinigungsduseligen Brückenmetaphorik», die einem auf die Nerven gehe, und von «hysterisch grellen Farben», die wie eine letzte Scheinblüte vor der vollkommenen Virtualisierung des Zahlungsverkehrs wirke.

Bis ins Herz der Finsternis
Sehen Sie sich die Scheine doch einmal genauer an. Rechts unten, unterhalb der eingebildeten Brücken, zeigen sich die Konturen Europas. Afrika und die Türkei sind angeschnitten. Auf Wunsch der USA soll die Türkei Vollmitglied der EU werden, weil dies die EU schwächen und ihren Status als US-Protektorat verewigen würde. Und Afrika? Der Kontinent ist, teilweise, beim Euro dabei. Es ist kein Gerücht: Der südlichste Teilstaat der Währungsunion ist die vom Bürgerkrieg zerrüttete Republik Kongo, Afrikas Herz der Finsternis.

Wer sonst noch mitfährt
Folgende nationale Währungen sind fortan per Wechselkurs an den Euro gebunden, obgleich er dort kein offizielles Zahlungsmittel wird: Äquatorial-Guinea, Benin, Burkina-Faso, Elfenbeinküste, Gabun, Guinea-Bissau, Kamerun, Kap Verde, Komoren, Mali, Niger, Kongo-Kinshasa, Senegal, Togo, Tschad und die Zentralafrikanische Republik. Das sind sechzehn afrikanische Staaten als Trittbrettfahrer (Was wird das wohl kosten? Wer zahlt dafür?) und zwölf europäische Mitglieder der Währungsunion. Ausser- dem avanciert der Euro zur offiziellen Währung in Französisch-Guayana, Guadeloupe, Martinique, Réunion, Mayotte, St. Pierre-et-Miquelon, Monaco, San Marino, Vatikanstaat, Andorra, Kosovo und Montenegro.

Gleichschaltung der Medien
Anhaltende Euro-Propaganda. Am 3. Januar titelt Springers «Welt»: «Traumstart: Euro löst Konsum- welle aus». Eine reine Erfindung. Daran stimmt allenfalls, dass sich die Euro-Einführung mit dem Vor-Winterschlussverkauf überlappt. Respekt vor der «Süddeutschen Zeitung»: Sie bleibt auf Distanz. Das Münchner Blatt schreibt am 4. Januar: «Noch nie hat es eine derartige konzentrierte Aktion von Politik, Werbewirtschaft und nahezu gleichgeschalteten Medien gegeben.» Und dies, nachdem Zeitungen und Rundfunk über Monate und Jahre hinweg den Euro der Bevölkerung ins Bewusstsein «implantiert» hätten.

Hoffmann warnt
Am 5. Januar meldet sich Euro-Gegner Bolko Hoffmann, Herausgeber des «Effecten-Spiegel», in einer ganzseitigen Anzeige in der «Frankfurter Allgemeinen» zu Wort. «Der Euro wird uns in die Katastrophe führen», verkündet Hoffmann.

Die psychologische Dimension
Noch bis Ende 2001 hatte sich die Hälfte der Deutschen in Meinungsumfragen gegen den Euro ausge- sprochen, und auch von der anderen Hälfte waren wohl die wenigsten begeistert. Aus tiefenpsychologi- scher Sicht kann die Währungsumstellung noch gar nicht verarbeitet sein, die Probleme beginnen jetzt erst. Die Psychologin Simone Severin, die für ein Kölner Institut arbeitet und dort an wissenschaftlichen Studien beteiligt war, meinte im «Handelsblatt» vom 31. Dezember: «Es gibt derzeit nichts, was die psychologische Bedeutung der D-Mark ersetzen könnte. Deshalb ist davon auszugehen, dass die Verlustangst der Deutschen tief sitzt.» Simone Severin weiter: «Leider wurde in unserer Studie deutlich, dass von der Idee einer europäischen Einheitswährung kaum emotionale Bindungskraft ausgeht. Die Menschen erleben den Euro als heimatlose Währung. Die persönliche Zugehörigkeit zur EU ist als Faktor der Identitätsbildung nicht existent ­ seelisch ist Brüssel weit weg.»

Nach den Kölner Untersuchungen könnte die Euro-Einführung Konsequenzen haben, die von den Initiatoren am allerwenigsten beabsichtigt waren: «Der Wegfall der D-Mark wird zu gesellschaftlichen Auseinandersetzungen in Bereichen führen, die mit der Währungsumstellung scheinbar nichts zu tun haben. Wir gehen davon aus, dass mit dem Verlust der D-Mark die gesellschaftliche Diskussion um die sogenannte Ðnationale Frageð und die damit verbundenen Themen an Schärfe gewinnen wird.»

«Quacksalber, Schamanen, Bankiers»
Wer hätte das gedacht: Die einzige Regierung in Europa, die am Tag X einen klaren Kopf behielt und unangenehme Wahrheiten zur Sprache brachte, war die italienische. Verteidigungsminister Antonio Martino, Mitglied von Berlusconis Partei Forza Italia, sagte: «Ich hoffe, dass ich mich irre, aber das Risiko ist gross, dass der Euro in einem Fehlschlag endet» (AFX, 2.1.). Ebenfalls am 2. Januar verkündete Umberto Bossi, Chef der Lega Nord: «Der Euro ist mir vollkommen gleichgültig.» Finanz- minister Giulio Tremonti, eines der mächtigsten Mitglieder des Kabinetts, distanzierte sich ebenfalls von der Euro-Euphorie: «Ich zögere etwas, einen Weg mitzugehen, der voll ist von Primaten, die Spruch- bänder schwingen, voll von Quacksalbern, Schamanen, Wunderheilern und Bankiers.» Tremonti fügte hinzu: «Ich finde die Idee besonders seltsam, dass der Euro Frieden bringen soll und die Kriege beendet. Kriege gehören immer dann der Vergangenheit an, wenn das Konsumdenken über den Romantizismus triumphiert.» Dazu muss man wissen, dass Tremonti ein ausgewiesener Liberaler und Anhänger der freien Marktwirtschaft ist und ebenso wie Bossi einen europäischen Superstaat ablehnt, der von Technokraten regiert wird, die niemand gewählt hat (Zitate nach «Financial Times», London, vom 3. 1. 2002).

Der Fall Renato Ruggiero
Deutsche Minister, die sich ähnlich wie Tremonti geäussert hätten, hätten unverzüglich zurücktreten müssen. Eine eigene Meinung zu haben und zu äussern, ist im heutigen Europa ein Luxus. In Rom musste nicht Tremonti, sondern am 5. Januar Aussenminister Renato Ruggiero demissionieren, nachdem er seine Kollegen wegen deren Euro-Skepsis attackiert hatte. Hinter dem Vorgang verbirgt sich eine Frontstellung, deren Bedeutung weit über Italien hinausgeht. Und zwar die Front zwischen aussengesteuerten Politikern und solchen, die die Interessen ihrer Wähler vertreten.

Wer ist Ruggiero? Er ist ein Mann, der seine Karriere bei internationalen, zentralistischen Gebilden, darunter der Welthandelsorganisation, gemacht hatte und der im Zuge der Regierungsbildung von Präsident Ciampi dem Wahlsieger Berlusconi aufgezwungen worden war. Als Aufpasser, als Vertrau- ensmann des Auslandes, als «Pro-Europäer», als Sachwalter Brüssels. Dass solche Leute in der Regierung sitzen, ist z. B. in Berlin normal, kann in Rom aber Anlass für eine Entlassung sein. Bossi, das Enfant terrible, schimpfte: Ruggiero sei in Italien von niemandem gewählt worden, er habe keine Partei hinter sich, er repräsentiere ein «despotisches und tyrannisches» Europa von ungewählten Bürokraten und Freimaurern, die im Dienste der Finanzmächte stünden, und er habe die italienischen Botschaften im Ausland mit Kommunisten und früheren Kommunisten besetzt. «Deswegen ist es für mich ohne Bedeutung, was er sagt. Er repräsentiert niemanden in der Palamentsmehrheit.» (Zitat nach AFX, 4.1.)

Michel und die «Ausgewählten»
Dass der notorisch undiplomatische Bossi einen wunden Punkt getroffen hatte, bewies umgehend die Reaktion aus Brüssel. Der belgische Aussenminister Louis Michel, dessen Land gerade erst zum 1. Januar den EU-Vorsitz abgegeben hatte, verstieg sich zur Drohung, Italien werde sich in einer «schwie- rigen Lage» in Europa wiederfinden. Renato Ruggiero sei als Aussenminister «ausgewählt»(!) worden, um die «Bedenken» der europäischen Partner Italiens zu zerstreuen, so Michel. Der Minister weiter: «Das bestätigt die Sorgen, die ich zum Ausdruck brachte, als die Regierung Berlusconi ihr Amt antrat.»

Drahtzieher Agnelli
Michel hatte sich nicht versprochen. Am 7. Januar meldete die «Neue Zürcher Zeitung», Gianni Agnelli, der Ehrenpräsident von Fiat, habe bei der Ernennung Ruggieros «entscheidend» mitgewirkt. Entspre- chend böse reagierte der Insider Agnelli auf den Abgang seines Protegés: «Das ist ein schlimmer Tag für Italien.» Damit war der Tenor für den Grossteil der europäischen Presse vorgegeben. Kann mir jemand einen einzigen einflussreichen One-World-Zirkel nennen, in dem Agnelli nicht sitzt? Wozu noch Wahlen, wenn die Minister dann doch anderswo «ausgewählt» werden?

Wessen Währung?
Drohungen und Einmischungen, die an die Breschnew-Doktrin erinnern. Und das von seiten einer Regierung, die seit nunmehr fünf Jahren nicht willens oder nicht imstande ist, den Kindermörder Dutroux vor Gericht zu stellen. Ist Michel ein Nobody? Eher nicht. Er geriert sich als Sprachrohr einer unheim- lichen Machtstruktur, die immer unverhohlener in die Angelegenheiten demokratisch gewählter Regie- rungen eingreift ­ einer politisch-finanziell-ökonomischen Klasse, die sich mit dem Euro eine Währung zugelegt hat, die zu ihr passt, die ihren Interessen dient, die ihre Macht zementieren soll. Die Frage «cui bono?» ist leicht beantwortet. Wir wissen, wer den Euro wollte und gegen alle Widerstände durchsetzte.

Bruno Bandulet