Nr. 2, 19. Januar 2001

Munition und Information
Vom «Golfkrieg-» zum «Balkan-Syndrom»
Von Heinrich L. Wirz, Bremgarten BE

Am 16. Januar 1991 begann der 44tägige Golfkrieg gegen den Irak. Bereits Anfang 1992 erkrankten die ersten Angehörigen der alliierten Streitkräfte am sogenannten «Golfkrieg- Syndrom». Dessen Ursachen sind nach wie vor umstritten, ebenso die Gefährlichkeit der «Uran-Munition».

Seit Anfang 2001 hat das «Balkan-Syndrom» in der Schweiz übersteigerte behördliche Betriebsamkeit zur Folge. Die zum Teil tödlichen Erkrankungen sollen in keiner Weise verharmlost werden. Alle befallenen Angehörigen von Streitkräften und ihren Familien sind zutiefst zu bedauern. Schlimm ist die Unsicherheit über die möglichen Spätfolgen eines längeren militärischen oder zivilen Einsatzes auf dem Balkan. Wie bei den rätselhaften Erkrankungen nach dem Golfkrieg von 1991 streiten sich die Fachleute jetzt über die Ursachen des «Balkan-Syndroms».

Wer jedoch behauptet, ab 1992 weder von Krankheitsfällen noch von sogenannter Uran-Munition gehört zu haben, ist schlicht uninformiert. Während der neunziger Jahre sind in der Tages- und Militärfach- presse zahlreiche Beschreibungen der schweren Gesundheitsstörungen und ihrer möglichen Gründe erschienen. Die Berichte stammen vorwiegend aus Amerika, England und Frankreich. Im Mai 1996 veröffentlichte das AC-Laboratorium Spiez unter dem Titel «Das Golfkrieg-Syndrom - was steckt dahinter?» ausführliche «Hintergrundinformationen zu einem aktuellen Thema».

Unter den denkbaren Ursachen der Erkrankungen wird die Munition mit abgereichertem Uran aufgeführt. Dieses stelle ausserhalb des Körpers eine minimale Gefahr für die Gesundheit dar. Träfen aber derartige Geschosse auf Panzerungen, so gerate das Uran in Brand. Die dabei entstehenden feinsten Abbrand- teilchen könnten weithin verfrachtet, eingeatmet und in der Lunge abgelagert werden. Sie stellten dort ein wesentlich höheres Gesundheitsrisiko dar. Noch während des Kosovo-Krieges (24. März bis 10. Juni 1999) war im «Tages-Anzeiger» vom 20. Mai 1999 aus Brüssel von den «grausamen Nato-Waffen» zu lesen. Gemeint waren neben den Streubomben die Geschosse aus abgereichertem Uran.

Informationsführung
Erwiesenermassen ist die mögliche Gefährdung von Mensch und Tier durch die sogenannte Uran- Munition seit dem Golfkrieg von 1991 bekannt. Fachleute haben auf die Langzeitwirkung hingewiesen. Die Nato hat das gesundheitliche Risiko bisher bewusst in Kauf genommen und lückenhaft orientiert. Fest steht, dass der Umgang mit Munition im Kosovo klar geregelt ist. Von dort Munition in die Schweiz mitzunehmen, ist streng verboten. Ob die militärischen Vorgesetzten der Schweizer Dienstkompanie «Swisscoy» genügend vor dem folgenschweren Missachten des «Munitionsbefehls» gewarnt haben? Die Informationsführung des VBS zeigt sich dieser Lage erneut nicht gewachsen und verpufft in aufge- regter Betriebsamkeit. Sie lässt sich zum wiederholten Male durch die Medien treiben. Der militärische Grundsatz, das Undenkbare zu denken und sich vorausschauend darauf vorzubereiten, scheint unbe- kannt zu sein. Es ist nicht Sache des Generalstabschefs, sich in der «Rundschau» des Schweizer Fernsehens einem journalistischen Kreuzverhör zu stellen. Es geht um gesundheitliche und natur- wissenschaftliche Fragen, zu beantworten durch Fachleute des VBS, deren Wissen zum Teil ungefragt bleibt. Medizinisch ist der Oberfeldarzt zuständig und militärisch die Unterstabschefs Operationen sowie Friedensförderung und Sicherheitskooperation. Wann endlich wird die Informationsführung des VBS krisentauglich?

Heinrich L. Wirz