Nr. 2, 19. Januar 2001

2001 wie 1968?
Das Fernsehen liess und lässt sich politisch missbrauchen

Fernsehen ist als Bildmedium ein Kind des Films, der zuerst einmal auf den Rummelplätzen gezeigt wurde, und auf dem Rummelplatz Boulevard ist der Nachfahr ja auch wieder gelandet. Private Veranstalter gingen mit Pornofilmen voraus, jetzt streichen sie sie wieder aus den Programmen, denn gegen die Live-Pornographie in Big BrotherInszenierungen hat der gute alte Schmuddelstreifen zum vornherein keine Chance mehr.

Auf diesem Niveau finden sich Anbieter des öffentlich-rechtlichen und des privaten Bereichs wieder zusammen: Wer beim Zappen in einen Versuchsmenschen-Container, in eine «Wen heiratet der Millionär»-Show oder in einen Zotentalk gerät, wird schwerlich auf Anhieb sagen können, ob der Quatsch werbe- oder gebührenfinanziert ist. Für die Beseitigung jedes Rests von Klarheit hat spätestens der Generalsekretär der vornehmsten aller deutschen Parteien gesorgt - Westerwelle von der FDP -, als er sich in einem Big Brother-Käfig sehen liess.

So ungefähr der Ist-Zustand des Fernsehens im deutschsprachigen Raum. Aber das Medium ist nicht einfach von wegen Kommerz und Indifferenz des Publikums zu diesem Zustand degeneriert (dann könnte man sich einfach von ihm verabschieden), sondern es lässt die Sparte Unterhaltung verblöden, und im Bereich Information ist es im Begriff, genau dort wieder zu versagen, wo es vor dreissig Jahren versagt hat. Konkret: Jetzt, wo die Gespenster der linken Vergangenheit immer aufdringlicher herum- geistern und dringend der Beschwörung harren - «Die Leichen im Keller der Linken», titelt der frühere Maoist und heutige «Weltwoche»-Redaktor Willi Wottreng in der Ausgabe vom 11. Januar -, jetzt greift man in den Redaktionen wieder zu den Schablonen der 68er Zeit, die Instrumente linker Indoktrination waren.

Edouard Haas, der das heutige Schweizer Fernsehen mit mühsam ergattertem Geld von den PTT startete und der am 29. Dezember mit 83 Jahren gestorben ist, hat seinen ersten Mitarbeitern immer wieder eingetrichtert: «D'Lüüt wänn luege» - nämlich betrachten und nicht bequatscht werden. In einem Nachruf in der NZZ beschreibt sein späterer Nachfolger Guido Frei - erster Patron des heutigen Fern- sehdirektors Schellenberg -, wie Haas auch die Idee eines national operierenden Fernsehens verfolgt und verwirklicht habe, lange bevor sie als schmückendes Beiwort «Idée suisse» dem Signum SRG angefügt worden ist. Das sei dann wichtig gewesen, «als Ende der sechziger Jahre, im Zuge gesell- schaftspolitischer Bewegungen, die auch in die Sendungen des Fernsehens hinein wirkten, sich die (bürgerlichen) politischen Kräfte auf das Fernsehen einzuschiessen begannen...»

Was Frei hier zum Wirken von Edouard Haas schrieb, ist gerade wieder sehr aktuell, und im Interesse des Mediums müssten Lehren gezogen und angewendet werden. Haas und Frei sahen sich in der Abwehr von politischen Angriffen gegen das Fernsehen, weil die 68er Bewegung «auch in die Sendun- gen des Fernsehens hinein wirkte», aber die Angriffe erfolgten, als die 68er bald einmal aus dem Fernsehen heraus in die Breite der Öffentlichkeit wirken konnten. Fernsehdirektor Guido Frei erkannte offenbar nur eine Einwirkung, nicht den Missbrauch des Mediums als Vehikel, der politische Gegen- kräfte wecken musste. Er glaubte, es mit einer Gärung in der damaligen Abteilung Information zu tun zu haben. An einer Versammlung des Programmpersonals sagte er, mehr amüsiert als beunruhigt: «Ihr seid mir eine hybride Gesellschaft!» Er glaubte also, seine aufgeregten Informationsleute seien einfach ein bisschen Überspannte und nicht etwa Agitierende.

Es war die Zeit, von der Willi Wottreng in der «Weltwoche» schreibt. Die Zeit, als der heutige deutsche Aussenminister noch Polizisten zusammenschlug. Die Zeit der Verharmlosung des linken Terrorismus (von «RAF-Hysterie» sprach eine beliebte Ansagerin des DRS-Fernsehens), der Denunzierungen von Polizeigewalt als Urheberin von zerstörerischen Demonstrationen («Die Polizei griff ein, und es flogen Steine»), der Verfechtung der «Doppelten Legalität».

Die Lehre von der Doppelten Legalität ist in Zusammenhang mit der Aktualität wieder auferstanden. Über das Bildmedium lässt sie sich am wirksamsten verbreiten. Aussenminister Joschka Fischer hat am 10. Januar im ARD-Fernsehen im Gespräch mit Joachim Gauck auf breiter Front zur Verteidigung seiner Jahre als «Sponti» ausgeholt: Wie man damals als Hausbesetzer doch nur als zwingende Antwort auf Gewalt der Polizei selber gewalttätig geworden sei und wie angeekelt man sich von den Taten der Terroristen abgewendet habe (nachdem diese aus dem Kreis «gewaltloser» Sympathisanten wichtige Unterstützung erhalten hatten...). «Doppelte Legalität» heisst Duldung von Gewalt gegen Sachen bei Ablehnung von Gewalt gegen Personen, aber Gewalt gegen Personen, die Sachwerte beschützen, scheint nach Fischer zulässig zu sein. Solches war fast deckungsgleich aus unkritisch geführten Schweizer Fernseh-Interviews mit Leuten zu erkennen, die Demonstrationen gegen das bevorstehende Weltwirtschaftsforum in Davos planen: Gewalt würde nur, so der Tenor, aus Repression entstehen, also liege die Verantwortung für eventuelle Schäden zum vornherein bei den Behörden.

Bei der Organisation der Demonstrationen gegen das Forum von Davos laufen ganz ähnliche Muster ab wie bei den meisten grossen Aktionen seit mehr als dreissig Jahren: Einbezug möglichst vieler Gruppen ohne definierte politische oder ideologische Zielsetzungen, Proklamierung von Gewaltfreiheit, aber Steuerung durch sehr wohl auch gewaltbereite Aktivisten, deren Beziehungsnetz sich bis hin zu terroristischen Organisationen belegen lässt. Der Einbezug der Medien, insbesondere des Fernsehens, ist von den Organisatoren selbstverständlich geplant. Und nun müsste dieses Fernsehen, das sich so oft instrumentieren liess, eigentlich reagieren und die Mechanismen der Agitatoren ausleuchten, genau wie es «braune Sümpfe» als Herde von Gewalt auszuleuchten versucht. Es wäre gleichzeitig Vergan- genheits- und Gegenwartsbewältigung und ein Ausgleich für das Qualitätsdefizit im Unterhaltungs- geschäft.

Patrouilleur Suisse