Russland treibt dem Abgrund zu
Krimineller KGB-Staat?
Von Hans Graf Huyn
Russland versinkt immer tiefer im Chaos. Eine Besserung ist nicht
abzusehen. Primakow hat sich - zumindest bisher - verrechnet, wenn er
glaubte, den Westen zu neuen Krediten erpressen zu können, ohne vorher eine
klare Finanz- und Wirtschaftspolitik festzulegen.
Aussenpolitisch musste er schwere Niederlagenhinnehmen:
Vor der amerikanisch-
britischen Irak-Intervention wurde er nicht einmal mehr konsultiert, und sein
Versuch, mit China und Indien ein weltpolitisches Gegengewicht zum Westen aufzubauen,
traf auf eisige Ablehnung in Peking und Delhi. Primakows Machtübernahme bedeutet
zugleich innenpolitisch den Weg zurück zum KGB-Staat.
Chaos
Wie in meinem letzten Kommentar vorab berichtet, hat der russische
Verteidigungsminister Sergejew, trotz Hungersnot und Finanzkrise,
ausgerechnet an Weihnachten die forcierte russische Aufrüstung mit einer
neuen Generation von nuklearen Interkontinentalraketen vom Typ Topol M
angekündigt. Alexander Solschenizyn hat anlässlich seines achtzigsten
Geburtstages in einer bitteren Erklärung festgestellt, es gebe bisher
keinen Weg vorwärts, Russland habe sich «bis zur Unkenntlichkeit verändert.
Der bolschewistische Massenmord war kein einfacher Genozid, bei dem
irgendwelche Menschenmengen in die Vernichtung getrieben wurden, sondern er
war selektiv. Jeder wurde herausgerupft, der in irgendeiner Weise auffiel.
Der Apparat des KGB und der Partei war so gross, um jeden aufzuspüren, der
Initiative erkennen liess, Protest äusserte, kurz, den Versuch machte,
hervorzustechen.» Solschenizyn kommt zum Schluss: «Deshalb ist das, was man
heute sieht, keine Demokratie. Es ist eine Oligarchie. Aber was für eine?
Russland ist ein krimineller Staat!» Als Jelzin Solschenizyn zu dessen
achtzigstem Geburtstag mit dem Andreas-Orden ehren will, lehnt der Jubilar
dies ab: «Ich kann von der höchsten Autorität, die Russland in den heutigen
Ruin geführt hat, keine Auszeichnung akzeptieren!»
Die russische Schriftstellerin Valeria Nowodworskaja charakterisiert das
heutige Russland folgendermassen: «Boris Jelzins Russland ist ein Land der
Sklaverei und des Chaos, aber nach ihm kann es nur noch schlimmer werden.
Die forcierte Verwestlichung ist unnatürlich und wird in einem Desaster
enden. Trotz unserer offensichtlichen Freiheiten haben Regierung und Volk
ihre völlige Unfähigkeit erwiesen und zeigen keinerlei Wunsch, auf ihren
eigenen Füssen zu stehen. Sie scheinen begierig zu sein, in den Kerker des
alten Regimes zurückzukehren, das sie zwar gefüttert, aber in Ketten gelegt
hat. Je schwächer Jelzin ist, desto eher wird das Ende kommen.»
Der Experte für Währungskrisen, Professor R. Dornbusch, Berater der
amerikanischen Federal Reserve Bank, weiss, dass Russland «drakonische,
gnadenlose Massnahmen» benötigt, um seine Krise zu lösen, aber er sieht sie
nicht kommen. Sein Fazit: «Russland selbst wird eine ernsthafte Krise
haben, und wenn die nicht bald gelöst wird, werden sehr üble Figuren
politische Führungsrollen erlangen. Weissrussland wird annektiert, es
wartet ja nur darauf. Die Ostukraine wird grosse Probleme bekommen » Die
Annexion Weissrusslands ist inzwischen bereits auf dem Wege.
Ära Jelzin vorbei
Der offenbar an der Alzheimerschen Krankheit leidende Jelzin ist nicht
einmal mehr ein Aushängeschild. «Die Ära Jelzin ist vorbei», analysiert das
Washingtoner Center for Security Policy: «Die Macht ist jetzt konzentriert
in den Händen eines höchstgefährlichen Gegners der Vereinigten Staaten,
Premierminister Jewgwnij Primakow. Während seiner jahrzehntelangen
KGB-Tätigkeit baute Primakow enge persönliche Beziehungen zu so
unappetitlichen Charakteren auf wie Iraks Saddam Hussein, Syriens Hafis
Assad und Libyens Muammar El Ghaddafi. In seiner Eigenschaft als Chef des
Spionagedienstes und als Aussenminister verkündete der Karrierespion die
ÐPrimakow-Doktrinð, eine Aussenpolitik, die Unterstützung vom Westen
sicherte, während er selbst gleichzeitig dessen Ziele ständig hintertrieb.
So konnte er sich bei der sich herausbildenden rot-braunen Koalition in
Moskau einschmeicheln » Primakow sei - so das Center for Security Policy -
«a man with whom we can not do business». Im britischen Secret Service
bezeichnet man Primakow als «the world's most experienced spymaster».
Auch das Forschungsinstitut der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige
Politik sieht Russland im Rückwärtsgang: «Die russische Politik steht vor
einer einschneidenden Zäsur. Schon heute ist klar, dass der nächste
russische Präsident kein überzeugter Reformer, geschweige denn ein Demokrat
sein wird», heisst es in einer internen Analyse.
Viktor Timtschenko, ukrainischer Publizist, kommt bei seiner
Bestandsaufnahme der gegenwärtigen Situation in seinem letzten Buch
«Russland nach Jelzin - Die Entwicklung einer kriminellen Supermacht» zum
Ergebnis, Russland sei eine «Kaum-Demokratie, addiert mit mafia-ähnlicher
Wirtschaft, multipliziert mit Atomkraft und dividiert durch eine
unberechenbare Führung». Zur Zukunft Russlands fasst er zusammen: «Das
einzige, wovon man überzeugt sein kann, ist, dass das Regime fern von jeder
Demokratie sein wird.» Der ehemalige russische Vizepremier Boris Nemzow
warnt: «Die kriminelle Gesellschaft gibt es in Russland praktisch schon»,
im Land werde das kriminelle Regime legalisiert. «An die Macht wird das
kriminelle Milieu kommen - einfach Banditen!»
Alte KGB-Seilschaften
Der Polnische Rundfunk sieht in dem Kabinett Primakow eine
Übergangsregierung «mittelmässiger Leute, die sich bereits in den achtziger
Jahren durch ihre politische Unfähigkeit kompromittiert haben. Böse Zungen
behaupten, dass sie nach einem gewissen Schlüssel ausgewählt wurden,
entweder sind es irgendwelche Bekannten oder enge frühere Mitarbeiter
Primakows», also KGB-Leute. Der abgehalfterte Jelzin, der am «Tag des
Geheimdienstes» im Dezember jeweils den KGB zu rühmen pflegt, dessen
Regierung nun offiziell den achtzigsten Jahrestag der Gründung der blutigen
Tscheka (das war der erste Name des so oft umgetauften KGB) begeht, hat
inzwischen auch einen KGB-General, Nikolaj Bordjuscha, zum Chef seiner
Präsidialverwaltung ernannt.
So werden an der Wende zum Jahr 1999 die seit Jahr und Tag in diesen
Berichten der «Schweizerzeit» abgegebenen Beurteilungen der politischen
Entwicklung in Russland - die von manchen Lesern vielleicht mitunter als zu
negativ angesehen worden sind - von den Fakten leider sogar noch
übertroffen und von den wichtigsten Kennern der russischen Situation
bestätigt.
In St. Petersburg wird auf Betreiben des KGB dem Marineoffizier und
Experten für Reaktorsicherheit, Alexander Nikitin, der Prozess gemacht,
weil er sich gemeinsam mit norwegischen Umweltschützern für mehr
Reaktorsicherheit einsetzte. «Die Art und Weise, wie dieser Prozess
gestaltet wurde», schreibt «Le Monde» in Paris, «rechtfertigte den
sofortigen Ausschluss Russlands aus dem Europarat.»
Fünf Offiziere des KGB-Fortsetzungsdienstes FSB haben Ende November ihrer
eigenen Führung vorgeworfen, sie habe sie beauftragt, den
GUS-Exekutivsekretär Beresowski mitsamt dessen Sicherheitsbeamten zu
ermorden. Der Vorsitzende der Jabloko-Partei, Grigorij Jawlinski, hierzu:
«Hiermit ist der Terror zu einem Teil unseres politischen Lebens geworden.»
In St. Petersburg wurde etwa zur gleichen Zeit, nach einer Reihe anderer
Attentate, die Reformpolitikerin Galina Starowoitowa ermordet, die kurz
zuvor vor Faschismus, Nationalismus und Kommunismus in Russland gewarnt
hatte. «Der Spiegel» berichtet von dem «Verdacht, die Täter könnten von
höchster Stelle gedeckt sein - oder gar aus dem Kreis der Fahnder selbst
kommen».
Gesetzlosigkeit
Die Moskauer «Neue Zeitung» berichtete in einer
Artikelserie Mitte Oktober
über die engen Bindungen zwischen KGB und
russisch-orthodoxer Kirche. Insbesondere macht sie deutlich, dass die
kirchliche Karriere des jetzigen Oberhaupts der russisch-orthodoxen Kirche,
des Patriarchen Alexi II., von Anfang an vom KGB gelenkt worden sei.
«Die Hölle auf Erden» nannte vor kurzem ein Berichterstatter der
UN-Kommission gegen Folter den dem KGB unterstehenden russischen
Strafvollzug mit seinen Isolationszellen. Selbst im Gulag Stalins habe man
solchen Horror nicht gesehen, bezeugen Menschen, die zwischen den
dreissiger und den siebziger Jahren ihre bitteren Erfahrungen als
politische Gefangene gemacht hatten. Etwa eine Million Menschen sind im
heutigen Russland ihrer Freiheit beraubt. Zehntausend Häftlinge sind allein
im vergangenen Jahr ums Leben gekommen. Etwa tausend warten auf die
Vollstreckung der Todesstrafe, die trotz Auflagen des Europarates noch
immer gilt. Der kommunistische Präsident des russischen Parlaments,
Selesnjow, will den Gulag Stalinscher Prägung wieder einführen. Anfang
Dezember forderte er, «die Schwerverbrecher müssen nach und nach durch
Zwangsarbeit in Steinbrüchen oder beim Holzeinschlagen sterben». Man solle
sie so behandeln, dass sie «jeden Tag beten, dass man sie endlich tötet».
Der Alt-KGB-Chef und neue russische Ministerpräsident Primakow fand bei
einer Rede im südrussischen Belgorod vor wenigen Wochen noch härtere Worte:
Er forderte die «physische Vernichtung» von Menschen, «die die Hand gegen
die Gesellschaft erheben». Da nimmt es nicht wunder, dass die Duma am 2.
Dezember mit 237 gegen 69 Stimmen forderte, das Denkmal des Gründers des
sowjetischen Geheimdienstes, Felix Dzerzhinskij, auf dem Platz der Lubjanka
vor der KGB-Zentrale (das im August 1991 unter dem Jubel der Moskauer
entfernt wurde) wiederzuerrichten. Die Bilder des Massenmörders
Dzerzhinskij hängen ohnehin noch in den Büros der Lubjanka, und die nach
Dzerzhinskij benannten Sonder-Eingreiftruppen gibt es ebenfalls nach wie
vor. Der Vorsitzende der Jabloko, Jawlinski, meint hierzu, die Kommunisten
hätten nun der ganzen Welt gezeigt, was ihr Ideal der Rechtsprechung sei:
die Massenerschiessungen ohne Prozess in den Kellern der Lubjanka, die
einer der blutigsten Henker des russischen Volkes, Dzerzhinskij, angeordnet
habe.
Hans Graf Huyn
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vom 8. Januar 1999**