Nr. 1, 12. Januar 2007
Fehlentwicklungen
an unserer Volksschule
Das fehlende Elternhaus
Von Oskar Bachmann, Bildungsrat, Stäfa ZH
Das Gesetz verlangt klipp und klar: die Volksschule ergänzt die Erziehung
der Eltern. Die grundlegende Erziehung hätte also schon vor der Schule
in der Familie geschehen sollen.
Dem ist aber nicht mehr so, wie folgende Feststellungen zeigen:
Mangel an Leistung
Ohne Erziehung zuhause wird sich aber nie ein Schulerfolg einstellen können. Der Mangel an sicheren Verhaltensnormen sowie auch Mangel an Geborgenheit schlagen sich immer in Mangel an Leistung und schulischem Misserfolg nieder. Wenn sich Eltern aus der Verantwortung abmelden, wird die eigentliche Hauptaufgabe der Schule - nämlich jene, Unterricht zu erteilen - erschwert und gestört und die Aufarbeitung erzieherischer Defizite verdrängt das Erreichen von Kompetenzen.
Leider werden Lehrpersonen und Schulbehörden zunehmend mit zwei extremen Elternverhalten konfrontiert. Auf der einen Seite steht der vermeintlich über der Erziehung stehende Laissez-Faire-Typ mit der Ansicht, seine Kinder seien durch genügend Medienkonsum ohnehin selbstsicher und den Rest soll die Schule besorgen. Auf der anderen Seite bzw. am anderen Pol findet man diejenigen Eltern, welche ihr Kind als ein Wesen vergöttern, welches dem Rest der Welt überlegen ist und welchem eine Volksschule nur schadet.
Die Grenzenlosigkeit, an der viele Kinder von heute laborieren, ist das folgenschwerste Erziehungsdefizit. In zu vielen Familien dürfen Kinder fast alles, die Eltern setzen wenige bis keine Grenzen. Mit "Ich will es so, ich will es subito" setzen Kinder ihre Eltern unter Druck und erreichen meistens, was sie fordern. Die "Curling-Erziehung" - jedes Steinchen auf dem Glatteis wird von den Eltern ausgeräumt - mindert die Selbsterfahrung der Kinder. Es braucht nur wenige, so individualistisch ausgeprägte Kinder in einer Klasse, und sie wird unführbar. Mit ihrem Mangel an Rücksicht, Sich-Einordnen-Können, Ausdauer und Selbständigkeit sind diese Kinder nicht gruppenfähig; das Haupthindernis für erfolgreiche Integration.
Regeln und Verhaltensnormen
Die Schule ist im Gegensatz zur Familie eine gegenüber der Öffentlichkeit verpflichtete Bildungsinstitution. Mit dem Schulbeginn nimmt das Kind - und dahinter die Eltern - an dieser öffentlichen Institution teil. Unabhängig von persönlichen Wertmassstäben ist die Schule ihren im Zweck-Paragraphen geforderten Grundsätzen verpflichtet. Sie stellt Regeln und Verhaltensnormen auf, die zur Erfüllung dieser Grundsätze und zum Erreichen bestimmter Leistungsnormen nötig sind.
Dass Kinder sich Regeln wie Anstand, Zuhörenkönnen, Pünktlichkeit, Gewaltfreiheit, Aufgabenerfüllung, Teilnahme am Unterricht nicht von sich aus unterwerfen, ist nicht neu und war schon immer so. Der Unterschied zu früher besteht jedoch darin, dass die Voraussetzung für die schulische Sozialisation nun nicht mehr im Elternhaus geschaffen werden. Ein grosser Teil der Gelder, welche heute in sonderpädagogische Massnahmen fliessen, wäre vielleicht zu sparen, wenn man die Eltern besser schulen und in Verantwortung nehmen würde.
Fatal wirkt sich nun aus, dass dieses Laissez-faire-Verhalten von Eltern und Schülern zusammen mit der kritisch-emanzipatorischen Pädagogik auf das Verhalten der Lehrkräfte ausstrahlt. Waren Lehrpersonen früher als Erzieher mit Vorbildcharakter geachtet, signalisiert ein Teil von ihnen durch schiere Anbiederei bezüglich Aussehen und Jargon den Kindern, dass sie mit ihrer Lässigkeit auf dem richtigen Weg seien. Zu spät bemerkte man, wie brüchig diese Erziehungsbasis ist und welch ungefestigte Persönlichkeiten daraus resultieren. Es ist deshalb nicht erstaunlich, dass viele Ausbildungsbetriebe bei der Auswahl ihrer Lehrlinge sehr vorsichtig und zurückhaltend geworden sind.
Oberflächliche Auswertung
Doch da gibt es ja einen Ausweg, der nach oberflächlicher Auswertung der Pisa-Studie am lautesten als neuer Heilsweg verkündet wird: Man solle alle Kinder so früh wie möglich in die Ganztages-Schule schicken. Das ist übrigens alles andere als neu, schon der grosse Grieche Platon (400.v.Chr.) ärgerte sich über die moralisch schlechte, dekadente Welt und verlangte, dass man alle Kinder möglichst früh den Eltern abnimmt und sie geschulten Paidagogoi übergeben solle. Einige der moralisch bedenklichsten Diktatoren haben ihrerseits erkannt, dass eine staatliche Besitznahme der Jugend ermöglicht, eine ihren Absichten entsprechende Volkserziehung zu verwirklichen. Heute wissen wir, in welche Katastrophe diese kommandierte Erziehung geführt hat. In allerneuester Zeit haben wir auch schon wieder einen sozialistischen Credo-Führer, nämlich den ehemaligen Generalsekretär der deutschen SP, Olaf Scholz, der frisch-frei verkündete "es geht der SP um die Lufthoheit über den Kinderbetten"!
Es mögen nun haufenweise wissenschaftliche Gutachten erscheinen, welche der Entfamilisierung und frühen Verschulung das Wort reden, selbstverständlich unter dem Mantel der "evaluierten" Wirklichkeit - sie alle können aber nicht in Abrede stellen, dass auch die Pisa-Studie nachwies, wie sehr familiäre Geborgenheit die Basis für spätere Lernerfolge stellt. (Nicht auszublenden ist, dass die Studie aufzeigt, dass auch Länder mit Ganztagesstrukturen unter den Schlusslichtern zu finden sind). Es ist ein erklärtes Menschenrecht der Uno-Deklaration von 1948, dass die Eltern das Recht haben, die Erziehung ihrer Kinder zu bestimmen.
"Pflege schlechter Gesellschaft"
Wenn es darum geht, dass Eltern oder Alleinerziehende ihre Kinder in einer ganztägigen Obhut wissen wollen, so ist dies durchaus verständlich. Sie vermeiden damit einen noch grösseren Medienkonsum, ein Herumhängen auf der Strasse und die allfällige "Pflege schlechter Gesellschaft". Zu diesem Zweck sind keine Ganztages-Schulen erforderlich, sondern eine kompetente Betreuung ausserhalb des Unterrichts. Und für diese Betreuung ist nicht die Schule zuständig. Wenn die Industrie, das Gewerbe, die Dienstleistungsbranche nach Arbeitskräften aus der Gruppe der erziehenden Eltern suchen und wenn diese die Beschäftigung auch wollen, dann soll es deren gemeinsame Aufgabe sein dafür zu sorgen, dass innerhalb eines Industriegebietes Kinderbetreuungsstätten eingerichtet, geführt und bezahlt werden.
Selbst der Staat könnte
sich aktiv auf eine andere Art und Weise einschalten: Statt viele Millionen
von Steuergeldern in Ganztages-Strukturen zu versenken, wäre es vernünftiger
und billiger, den erziehenden Eltern oder eben deren privaten Institutionen
(Elternvereinigungen, Quartierbetreuerinnen u.a.m.) Zuschüsse zukommen
zu lassen, beziehungsweise Steuer-Abzüge zu ermöglichen.
Oskar Bachmann