Nr. 1, 13. Januar 2006
Der
tiefgreifende Umbruch wird sich in Europa fortsetzen
Die Welt im Jahr 2006
Die meisten Menschen vermögen nationale Entwicklungen mit den damit verbundenen
Problemen mehr oder weniger gut zu überblicken. Die dynamische Weltwirtschaftsverflechtung
nehmen sie indessen widersprüchlich wahr.
Einerseits greifen viele
Menschen freudig zu billigen Importwaren und fliegen zu Sozialtarifen nach
Tunesien und Bali, andererseits werden Einwanderung und Arbeitsplatzkonkurrenz
zunehmend kritisiert, das Verschwinden der Industrie beklagt und über
die wachsende Abgabenlast geklagt. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird auch
2006 wieder ein Jahr des Übergangs und der Anpassung sein.
Konkurrenzdruck aus Fernost
Die zwischenzeitliche Drosselung chinesischer Textilimporte durch die EU provozierte
bezeichnenderweise einen empörten Aufschrei des Handels, der angesichts
der Aussicht auf entgangene Geschäfte schnaubte. Die im Massensegment
operierenden europäischen Textil- und Schuhproduzenten mochten dagegen
nicht gross aufatmen. Zu schwach sind ihre Vertriebsstrukturen und zu schwach
ihre Position im Handel. Sie, die selber über den Preis verkauft haben
- etwa die Masse der italienischen Schuhfabrikanten -, sieht sich seit ein
paar Jahren unter gewaltigem Preisdruck. Die erfolgreicheren unter den Fabrikanten
konnten den Druck bisher auffangen durch Produktionsverlagerungen nach Albanien
und in andere Balkanstaaten.
Weitgehend unbeachtet
bleiben in Europa dagegen die Folgen der chinesischen Exporte in die arabische
und nordafrikanische Welt, insbesondere in die bevölkerungsreichen Staaten
wie Ägypten oder Marokko. Ägypten stabilisierte zwar mit Hilfe des
Internationalen Währungsfonds (IWF) und der USA seine Währung, um
heute zu erleben, dass Massenimporte aus China ins Land strömen und das
einheimische Handwerk existentiell bedrohen. Die Herausforderungen für
diese Länder, deren Wirtschaft noch stark derjenigen Europas vor dem
Ersten Weltkrieg gleicht - strukturell also gut hundert Jahre zurückliegt
-, sind noch sehr viel grösser als für die Westeuropäer.
Neuerungen behindert
Dazu kommt in diesen Ländern der selbsterzeugte Binnendruck durch die
stark wachsende Bevölkerung, während Westeuropa in der Realität
längst Einwanderungszone geworden ist.
Während die Europäer immer ein offenes Ohr für die wohl eingeübten Klagechöre ihrer Landwirtschaft zeigen, tun sie sich schwer mit der Forderung der dritten Welt nach Marktzugang. In der Praxis gefährden zum Beispiel die hohen US-Subventionen für die heimische Baumwolle den Absatz der Baumwoll-Produktion aus Ägypten und afrikanischen Staaten wie Mali.
Zunehmender Druck kommt
auch aus Brasilien mit seiner sehr dynamischen und hochrentablen Landwirtschaft,
die mit der Produktion von Industrie-Alkohol einen wichtigen Deckungsbeitrag
für den Energiebedarf des Personenverkehrs leisten kann. Einstweilen
verhindern die hohen Importsteuern in Europa die Beimischung von Industrie-Alkohol
zum Treibstoff. Gleiches bewirkt die Sorge der zu kurzfristigem Denken verurteilten
Finanzminister aller europäischen Staaten, nicht vorausgesehene Einnahme-Ausfälle
aus den Mineralöl-Steuern verkraften zu müssen. Das ähnelt
der Tatsache, dass sich in der Praxis kein Exekutiv-Politiker eine bessere
Verkehrsmoral wünscht. Die Bussen sind längst Teil des regulären
Budgets.
Dynamische Weltwirtschaft
China wiederum pflegt intensiven Handelsaustausch mit Brasilien. Es sichert
sich langfristig den Bezug von Rohstoffen und Agrarerzeugnissen (etwa Soja),
während die Brasilianer im Gegenzug die Handelshemmnisse für chinesische
Erzeugnisse abbauten. Auf die erste Euphorie folgte in Brasilien zwar deutliche
Ernüchterung: Industrie und Handwerk geraten durch die chinesischen Importe
in arge Bedrängnis. Auf der anderen Seite schätzt die breite Bevölkerung
mit ihren bestenfalls mässigen Einkommen die attraktiven Preise chinesischer
Importwaren.
Die Weltwirtschaft entfaltet
heute eine Dynamik, von der in unzähligen Ländern breite Bevölkerungskreise
profitieren. Die frühe Phase, in der amerikanische Versandhäuser
in Vietnam, Taiwan und anderen asiatischen Ländern nach billigen Erzeugern
für Hemden, Hosen und Turnschuhen Ausschau hielten, ist längst einer
breiten Vernetzung der aufstrebenden Märkte gewichen. Länder wie
die Türkei und die osteuropäischen Staaten - egal ob in der EU oder
noch in der Warteschlange - handeln heute bereits intensiv untereinander und
im Zweifelsfall immer mit China.
Anpassungsdruck nimmt zu
Für Europa zeichnet sich damit klar ab, dass der strukturelle Anpassungsdruck,
der auf dem Kontinent lastet, im Jahr 2006 sicher nicht geringer wird. Auf
der einen Seite sind die Europäer - ganz besonders die Deutschen - grosse
Exporteure, die von den aufstrebenden Märkten profitieren - bei Investitionsgütern
ebenso wie bei gehobenen Konsumgütern. Während in den sechziger
Jahren ein Charles de Gaulle seinem Staatssekretär für Afrika einschärfte
aufzupassen, dass die Entwicklungshilfegelder nicht missbraucht würden
für einen "Pelz für Madame und einen Mercedes für Monsieur",
erleben wir heute etwa in Indien das Aufkommen eines konsumkräftigen
Mittelstands. Monsieur kann sich heute seinen Mercedes durchaus vom eigenen
Einkommen leisten.
Überforderte Sozialapparate
Auf der anderen Seite wissen die Europäer sehr genau um ihre schrumpfende
industrielle Basis. So wie es auch kein Geheimnis ist, dass das generierbare
Steuersubstrat seinen Plafond erreicht hat. Wenn sich in den kommenden Jahren
die geburtenstarken Jahrgänge aus dem Berufsleben zurückziehen werden,
reduzieren sich auch die Steuereinnahmen in erkennbarem Mass. Schon deshalb
ist der (über-)grosse Sozialapparat, den sich alle westeuropäischen
Länder einschliesslich der Schweiz leisten, zur Redimensionierung verurteilt.
Wenn man heute also ernsthaft versucht, die Haushalte zu sanieren - in Bern
ebenso wie in Berlin -, dann ist das erst ein Anfang. Ob der Ausgleich bis
2008 geschafft sein wird, ist noch keineswegs ausgemacht.
Gleichzeitig stösst
die Einwanderung an ihre Grenzen. Die Gewohnheit, Autos anzuzünden, ist
in Frankreich schon seit gut zehn Jahren der bevorzugte Wochenend-Zeitvertreib
der Vorort-Jugend. Insofern darf man die Kulmination im November 2005 nicht
überbewerten.
Integration misslungen
Sie zeigt aber gleichzeitig in aller Schärfe, dass die Integration gründlich
misslungen ist. Misslungen ist sie nicht durch ein Manko an Sozialstaat (es
gab in der Geschichte der Menschheit nie zuvor soviel staatliche Zuwendung),
sondern weil noch nie eine Elterngeneration so flächendeckend versagt
hat in ihrem Erziehungsauftrag. Kein Staat kann Eltern ersetzen; er kann ihnen
nur die grosse Bedeutung der Erziehung vermitteln, indem er Eltern minderjähriger
Täter zur Verantwortung zieht und zur Kostendeckung der angerichteten
Schäden verpflichtet. An der Rückbesinnung auf die Tatsache, dass
die Erziehungsberechtigten in erster Linie Erziehungspflichtige sind, wird
kein Weg vorbeiführen. Daran zu erinnern ist ein sehr viel wirkungsvollerer
Integrationsbeitrag als alles Gerede von der multikulturellen Gesellschaft.
Gleichzeitig ist festzuhalten, dass mit dem kräftebedingten Rückzug
der Kirche aus der Gesamtgesellschaft und dem Tatsache gewordenen kirchlichen
Verzicht auf Missionsarbeit (die allen gängigen Annahmen zum Trotz keineswegs
auf Afrika und andere Überseegebiete beschränkt war) Staat und Familien
künftig eine sehr viel grössere Last zu schultern haben werden.
Diese Tatsache unterscheidet - neben Sprache und Religion - die gegenwärtige
Zuwanderungswelle fundamental von den grossen Wellen des 19. und 20. Jahrhunderts.
Die unermessliche Sozialarbeit der katholischen Kirche bis hin zu den christlichen
Gewerkschaften und anderen Formen des früher gern belächelten "Herz-Jesu-Marxismus"
kann der Staat gar nicht ersetzen. Kein Jugendhelfer kann je die Autorität
eines bewährten Gemeindepfarrers erreichen.
Wie auch immer: Auf der
einen Seite ist Europa heute faktisch ein Kontinent der Einwanderung - mit
dem Effekt, dass derzeit nur schon in Mailand rund zwanzigtausend Ägypter
wohnen. Auf der andern Seite schielt ganz Afrika verzweifelt nach Europa.
Wer meint, dass sich die elendsbedingte Flucht aus Afrika auf Dauer mit Polizeimassnahmen
regeln lässt, täuscht sich. Von den damit zusammenhängenden
ethischen Zumutungen ganz zu schweigen.
Die Zeit verlangt Weitblick
Die Europäer sind tatsächlich stark gefordert - und sei es auch
nur in Erinnerung an das Imperium Romanum, welches seinerzeit das gesamte
Mittelmeer umspannte: Die Südseite des Mittelmeers ist als Einflusszone
zu akzeptieren. Kann dort als Stabilitätsbeitrag nicht ein investitionsfreundliches
Klima geschaffen werden, wird ganz Europa sehr schnell die Quittung in Form
einer nicht mehr kontrollierbaren Einwanderung ausgestellt bekommen.
Das Thema für den mitdenkenden Beobachter ist inzwischen längst nicht mehr, ob die Türkei EU-Staat wird oder nicht. Die Frage lautet vielmehr: Wie entwickeln sich die Staaten "dahinter" - also jene Staaten, die historisch und geographisch eindeutig nicht mehr mit Europa verbunden sind. Wohl aber ökonomisch und durch andere Interessen. Dem Geschehen in Iran und Irak muss unsere volle Aufmerksamkeit gelten - und es ist in dieser Richtung eine Politik zu entwickeln, hinter der nicht "gleich das Öl durchschmeckt", wie Charles de Gaulle einmal die angelsächsische Mittelostpolitik zu charakterisieren sich herausnahm.
Aus: INFIDAR Topics,
Dezember 2005.
Die "Schweizerzeit" dankt der Infidar Vermögensberatung AG,
Zürich, für die Nachdruckgenehmigung.