Nr. 1, 10. Januar 2003
Amerika als Weltmacht
Ein «auserwähltes Volk»?
Von Richard
Anderegg, Washington
Weltweit auch
in der Schweiz nimmt Kritik an der Politik der USA, an der
Administration Bush zu. Allzu oft ist diese Kritik pauschal-oberflächlich.
Nicht selten etwa dann, wenn polemische Auslassungen über amerikanische
«Cowboy-Mentalität» verbreitet werden artet sie in
unüberlegte
Diffamierung aus.
Ist solche Kritik angebracht?
Trifft sie den Kern offensichtlich zunehmender
Differenzen? Die «Schweizerzeit» hat ihren seit langem in Washington
lebenden Amerika-Korrespondenten Richard Anderegg, der die US-Politik seit
Jahrzehnten aus nächster Nähe verfolgt und kritisch kommentiert,
um eine
Einschätzung der USA als allein dominierender Weltmacht gebeten. Welche
Kräfte, welche Grundsätze, welche Leitbilder prägen die US-Politik
von
heute? Hier Andereggs Bericht:
Besondere Rolle
Der organisch gewachsene Glaube, wonach den USA ein besonderes Schicksal und
damit eine besondere Rolle in der Welt vorbestimmt ist, prägt die Amerikaner
von jeher welcher politischen Partei, welcher religiösen Überzeugung
sie
auch immer verhaftet sind: «Wir Amerikaner sind das auserwählte
Volk, das
Israel unserer Zeit. S Wir sind die Hüter des Schutz- und Trutzbündnisses
der Freiheiten in der Welt.» Eine Aussage aus dem Jahr 1850 von Herman
Melville, dem Autor von «Moby Dick», niedergeschrieben in seinem
Buch «White
Jacket». Melville thematisiert darin den Missbrauch der Autorität
in der
amerikanischen Marine. Schon damals dominierten visionäre Vorstellungen,
schon damals paarte sich der feste Glaube an eine «Weltmission Amerikas»
mit
offensichtlicher Bereitschaft, zu deren Umsetzung auch Brutalität
anzuwenden. Lange vor der Unabhängigkeitserklärung von 1776 wurde
der Glaube
unter den weissen Pionieren des nordamerikanischen Kontinents verwurzelt,
ihnen sei die Aufgabe überbunden worden, etwas vollkommen Neues in der
Weltgeschichte zu schaffen, wozu ihnen eine besondere Kraft verliehen worden
sei, auch ganz unkonventionelle, früher noch nie angewendete Methoden
zur
Umsetzung ihrer Ziele zu nutzen. Ein halbes Jahrhundert nach der
Unabhängigkeit der USA stellte Alexis de Tocqueville 1835 fest, das Wachstum
Amerikas werde aus der Entstehung dieser neuen Nation bestimmt, es werde
unaufhaltsam weitergehen.
Der Glaube an den Sonderfall
Die im neunzehnten Jahrhundert erreichten Grenzen konnten nicht die
definitiven sein. In einem 2001 erschienenen Buch «First Great Triumph»
schildert der ehemalige US-Diplomat Warren Zimmermann (zuletzt Botschafter
in Jugoslawien), wie Amerika vor Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts in den
Besitz erster Überseegebiete Kuba, Philippinen kam. Diese
Besitznahmen
erfolgten aus dem Glauben bestimmender Persönlichkeiten, wonach die
Schaffung eines neuen Imperiums unter Führung der USA ein Auftrag des
Schicksals sei. Das morsche Spanien müsse aufgebrochen, die guten Stücke
daraus müssten den USA zugeschlagen werden. Führender Kopf dieser
Schule war
Theodore Roosevelt, später Präsident der Vereinigten Staaten (19011909).
«Manifest destiny» (offensichtliche Schicksalsfügung): An
diesem Glauben
orientierten sich die Pioniere, die den Westen der USA eroberten oder von
geschwächten fremden Mächten aufkauften Louisiana aus Napoleons
verschuldetem Haushalt 1803, Alaska vom russischen Zaren 1867. Der dem
Antriebswort von damals am nächsten verwandte, noch heute politische
Diskussionen und Kommentare bestimmende Ausdruck heisst «American
Exceptionalism». In ihm kommt der feste Glaube an den «Sonderfall»
USA, an
das besondere Schicksal Amerikas zum Ausdruck. Eine Ausnahmestellung nimmt
dieser Glaube deshalb ein, weil er in ganz verschiedenen politischen
Nährböden wurzelt.
Einerseits im Sozialen. Die Gründerväter, die 1787 die Verfassung
Amerikas
niederschrieben, waren Landwirte, Notare, Juristen, Kaufleute. Dazu
gesellten sich vereinzelte Theologen. Alle waren sie ausgeprägt dem «âge
de
la raison», dem Zeitalter der Vernunft, dem das 18. Jahrhundert prägenden
Denken von Voltaire und Rousseau verbunden. Sie fühlten sich einer
einzigartigen weissen Kolonie protestantischer Moral verhaftet. Sie waren
beseelt vom Glauben, mit ihrer neuen Verfassung der USA der Menschheit etwas
Einzigartiges geschenkt zu haben: die neue und beste Staatsform für freie
Bürger. Schon in der vorangegangenen Unabhängigkeitserklärung
von 1776
beriefen sie sich auf die vier von ihnen als selbstverständlich empfundenen
Wahrheiten: Dass erstens alle Menschen (damals noch: sofern sie weisser
Hautfarbe und männlichen Geschlechts waren) gleich sind. Dass zweitens
der
Schöpfer diese Menschen mit unveräusserlichen Rechten ausgestattet
hat, zu
denen das Leben, die Freiheit und das Streben nach Glück gehörten.
Dass
diese Rechte drittens von Regierungen zu sichern seien, die ihre Macht
einzig aus der Zustimmung durch die Regierten herleiten dürfen. Und dass
es
viertens das elementare Recht der Regierten ist, Regierungen zu ändern
oder
gar abzuschaffen, wenn sich diese als den gesetzten Zielen abträglich
erweisen sollten. Die Gründer der USA erwähnten Gott in der Verfassung
nicht. Religion so gross sie deren Bedeutung auch einschätzten
war für
sie etwas Privates, völlig Freies. Staat und Kirche waren getrennt. Letzte
Instanz der menschlichen Ordnung waren die Gerichte. Dass diese Verfassung
der USA Muster für alle andern Erdenvölker sein werde, war ihren
Autoren von
allem Anfang an klar.
Musterzivilisation
Amerika wurde zum Magnet für religiös Verfolgte in Europa und im
Mittelmeerraum, obwohl viele dieser Verfolgten in den USA dann
Schwierigkeiten mit den weltlichen Behörden bekamen etwa die Mormonen.
Die
schon in Europa zu aggressiver Mission neigenden Sekten schwärmten, in
Amerika freier geworden, unter dem Sternenbanner weltweit aus, gründeten
Schulen, Kirchen und Kulturzentren in China, in der islamischen Welt, in
Europa. Sie alle waren überzeugt: Amerika ist die Musterzivilisation
für die
ganze Welt.
Dies um so mehr, als im grossen Wirtschaftsraum Amerika Handel und Industrie
aufblühten und bald weltweit Märkte suchten. Das amerikanische Experiment
wurde insgesamt mit missionarischem Glauben über die Welt verbreitet.
Verstrickten sich die weltlichen und religiösen Missionare gegenseitig
auch
in zahlreiche Konflikte, so war ihnen eine Zielsetzung weltweit gemeinsam:
Amerikas Einfluss sollte immer weiter ausgedehnt werden. Daraus sollte eine
gemeinsame Ordnung geschaffen werden, weltweit geprägt von amerikanischen
Begriffen, amerikanischer Lebensphilosophie und insbesondere auch
amerikanischem Recht. Der Erste und der Zweite Weltkrieg wurden als
Aufbausteine betrachtet für eine von den USA weltweit zu spielende Rolle
der
unentbehrlichen Nation «the indispensable nation», wie sich
Madeleine
Albright, die Aussenministerin Bill Clintons, auszudrücken pflegte.
Der von den Amerikanern innerhalb Amerikas mit Leidenschaft ausgetragene
Streit, in dem die einen auf der Grundlage der Verfassung Staat und Kirche
strikte voneinander trennen wollen, andere ihre religiöse Überzeugung
unbedingt in die Verfassung einschleusen wollen, prägt seit Anbeginn
leidenschaftliche Diskussionen in den USA. Derzeit bedrängt eine starke
religiöse Welle die gesamte Gesetzgebung. Ihre Vorkämpfer sitzen
in der
amerikanischen Regierung. George Bush selbst, früher mit Alkoholproblemen
behaftet, ist ein spät bekehrter Christ. Ihm liegt daran, Entwicklungshilfe
weitgehend vom Staat zu trennen, zur Aufgabe der privaten Kirchen zu
erklären. Dies resultiert dann darin, dass nur jene Drittweltstaaten
Hilfe
erhalten, welche die Abtreibung, aber auch die Familienplanung abzuschaffen
bereit sind.
Widersprüche
Die in den Kategorien der Menschenrechte denkenden Politiker verhalten sich
ähnlich: Sie wollen dem Irak eine Demokratie amerikanischen Zuschnitts
verpassen. Allerdings sind dort seit der Entstehung des Irak im Jahr 1932
rund zwanzig Prozent der Bevölkerung Sunniten. Sie leben im zentralen
Zweistromland um Bagdad. Weder die Kurden im Norden noch die Schiiten im
Süden haben viel mitzubestimmen obwohl die wirtschaftlich und
bildungsmässig zwar zurückgebliebenen Schiiten rund sechzig Prozent
der
Bevölkerung stellen. Eine Demokratie westlichen Zuschnitts würde
den Irak in
ein schiitisches Land verwandeln, die Kurden in ihrer nördlichen Region
wohl
begünstigen, den sunnitischen Mittelstand indessen als Minderheit in
die
Opposition treiben, womit das labile Gleichgewicht im Mittleren Osten wohl
nachhaltig gestört würde.
Ähnliche, auf Ägypten, Saudi-Arabien und die ganze Golfregion zielende
Demokratisierungsbemühungen von Amerikanern verursachen in der konservativen
Führungsschicht dieser Länder Ängste, wobei diese Führungsschichten
als
Verbündete der USA gleichzeitig zu jenen Waffen kommen, mit denen sie
jene
Menschen unterdrücken, die sie bei erfolgreicher Demokratisierung nach
amerikanischem Muster von der Macht verdrängen würden.
Ängste
Ähnliche Ängste lösen jene aus, welche die US-Vormacht auf
wirtschaftlicher
Ebene ungeachtet ihrer politischen Herkunft um jeden Preis ausbauen
wollen. Bezeichnend dazu eine im Oktober 1997 vom damaligen Chef von
Präsident Clintons Sicherheitsrat, Samuel Berger, überlieferte Aussage
aus
Rio de Janeiro: «Wir müssen mit der Öffnung der Weltmärkte
weiterfahren,
weil dort unsere Kunden sind.» Als sich Madeleine Albright im Januar
1997 im
Rahmen ihrer Ernennung zur US-Aussenministerin den Bestätigungs-Hearings
des
Senats zu stellen hatte, sagte sie: «Unser Wohlergehen hängt davon
ab, ob
wir Partner haben, die gegenüber unserem Export, unseren Investitionen
und
unseren Ideen offen sind.» Sie als Intellektuelle hat neben Gütern,
die zu
plazieren sind, immerhin auch den Ideen Bedeutung beigemessen.
Der 11. September 2001
Der Glaube an die Mission Amerikas, die ihren Ursprung im amerikanischen
Sonderfall hat, kann religiösen, politischen oder wirtschaftlichen Ursprungs
sein. Er kann auch unterschiedliche Bemühungen entwickeln, die sich
gegenseitig bekämpfen, ja fast vernichten. Der Glaube ist indessen
unausrottbar. Er prägt das amerikanische Denken von Grund auf.
Mit dem 11. September 2001 hat dieser Glaube völlig neue Nahrung erhalten:
Amerika wurde «zu Hause angegriffen». Amerika ist seither im Krieg.
Es will
die in der ganzen Welt, von überall her mögliche Bedrohung auslöschen.
Mehr
Truppen als je zuvor setzen die USA weltweit ein. Stärker als je zuvor
werden Regierungen anderer Länder unter Druck gesetzt, sich Amerikas
Order
zu fügen, die Organisation des Landes vom Bankwesen über die Polizei
bis zur
«Materialkontrolle» nach Amerikas Vorgaben auszurichten. Weil
sich Amerika
in seiner Sonderstellung allein in der Lage wähnt, dem Terror adäquat
entgegenzutreten, der keine Stadt dieser Welt, keine Zentralbank, keine
verletzbare Wirtschaftseinrichtung auslässt. Wer in den USA diese Sicht
der
Landesverteidigungspolitik in Zweifel zieht, wird der Verneinung des
nationalen Glaubens an die Sonderrolle Amerikas in dieser Welt verdächtigt,
der Ablehnung des «American Exceptionalism», der den USA eigentlich
gar
keine andere Wahl lasse, als die Führungsrolle in der Welt zu übernehmen.
Vorbild in der Welt
Die in den Lehren des Alten Testaments verhafteten amerikanischen Kirchen,
die, politisch am rechten Flügel stehend, zu den Kernstützen der
Republikaner um George Bush gehören, erblicken in Amerika und Israel
zwei
auserwählte Geschwister unter Jehova, dem alleinigen Gott. Nicht wenige
empfinden Israel deshalb praktisch als 51. Bundesstaat der USA. Dass aus
dieser Überzeugung heraus eine ausgewogene, gleiche Behandlung der Araber
und Moslems schroff abgelehnt wird, versteht sich von selbst. Die
Israel-Lobby ist mit der von vielen als fanatisch empfundenen christlichen
Rechten eng verbunden.
Diese Kräfte lassen keine Kritik an der Kriegspolitik mehr zu, ohne dass
der
Vorwurf erhoben würde, der Kritiker unterstütze die Terroristen,
übe
praktisch Landesverrat. Dies führt dazu, dass jedermann, der irgendeine
Kritik an der gegenwärtigen Politik der USA üben will, mit der fest
eingespielten Formel beginnen muss, wonach die USA selbstverständlich
die
Pflicht hätten, Gegner ausfindig und unschädlich zu machen
man habe bloss
den Eindruck, dass der dazu gewählte Weg nicht der richtige sei. Auf
die
Gegenfrage, wie anders diese Aufgabe angepackt werden könnte, stellt
sich
bald Einigkeit ein, wonach allein die USA in der Lage seien, die Welt zu
organisieren. Es sei das den USA vorbestimmte Schicksal, sowohl Erster als
auch das Vorbild in dieser Welt zu sein.
Diese Meinung hat insbesondere die Republikanische Partei für sich
gepachtet. Solange der damit eingeleitete Feldzug erfolgreich zu verlaufen
scheint, werden die Demokraten keine Chance haben. Solange prallt auch
Kritik an dieser Haltung der USA aus der übrigen Welt ab wie an einer
Wand.
Die andern Länder, pflegt man in den USA festzustellen, seien eben
eifersüchtig, weil die Führungsrolle allein von den USA ausgeübt
werden
könne, weil die USA diese Rolle übernommen hätten, weil sie
die einzige
Macht dieser Welt seien, die zur Führung überhaupt in der Lage seien.
Selbst
die Anhänger der Friedensbewegung teilen diese Auffassung: Sie protestieren
nicht gegen den Krieg. Sie protestieren höchstens dagegen, dass Amerika
sein
Bild als «edle Führungsmacht» beschmutzen könnte. Auch
sie sind dem
«American Exceptionalism» verhaftet, nur etwas anders. Aber auch
sie fühlen
sich in einer weltweit einsamen Spitzenrolle auf dieser Welt.
Richard Anderegg