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Der aktuelle Frontseitenkommentar von Chefredaktor Ulrich Schlüer vom 10. Januar 2003
«Wählt
Mozzarella!»
Über die Versuche, die SVP auszugrenzen
Heureka! Ich habe sie gefunden, die endgültige Antwort. So frohlockte
er,
Georg Kohler, der Zürcher Renommier-Philosoph. Das Rezept liege endlich
auf
dem Tisch, wie der von Wahlsieg zu Wahlsieg eilenden SVP definitiv
beizukommen sei. Man müsse die Schweizer einfach als Südländer
sehen,
mediterraner Dauer-Heiterkeit verfallen und schon sei die SVP chancenlos,
zum Untergang verurteilt. Unaufhaltsam sei das Vordringen dieser
mediterran-heiteren Lebensweise hierzulande, denn, so folgerte der Philosoph
messerscharf, der Mozzarella-Umsatz verzeichne markante Wachstumsraten.
Wenigstens in urbanen Verhältnissen, wo sozusagen die schweizerischen
Pionier-Südländer zu Hause seien...
Ob der modische Polit-Philosoph tatsächlich glaubt, dass, wer
Mozzarella-Liebhaber sei, Berns immer schwärzere Defizitlöcher umgehend
vergesse? Und völlig gleichgültig werde gegenüber den ins Unermessliche
steigenden Krankenkassenprämien? Und auch den weiterhin grassierenden
Asylmissbrauch schlicht verdränge? Südländer sind nach Meinung
des
Philosophen Kohler offenbar nicht bloss heiter, sondern auch grenzenlos
denkfaul. Und das sei die Chance. Programme, Argumente, offene Widerrede
hätten gegen die SVP keine Chance. Sonst wären nicht alle anderen
Parteien
im Krebsgang. Denkfaulheit sei gefragt! Die einzig wirksame Waffe, der
ungeliebten SVP endlich den Boden unter den Füssen wegzuziehen. Meint
der
Philosoph.
Man hatte diese skurrile Philosophen-Marotte schon fast vergessen, als sie,
aus noch höherem Mund, unversehens eine Fortsetzung erfuhr. In Dutzenden
von
Interviews nämlich, gewährt übers Jahresende vom frisch erkorenen
Bundespräsidenten. Dieser befand sich nicht eben in komfortabler Lage,
musste er doch mühsam Gründe für seine so plötzlich nach
erfolgter Wahl zum
Bundespräsidenten ausgebrochene Albisgüetli-Feigheit finden und
einigermassen glaubhaft darlegen. Und er sprach Klartext: Politisch
engagierte Bürger, welche Berns Milliardendefizite nicht mehr mitzutragen
bereit sind, welche genug haben vom weiterhin tausendfachen Asylmissbrauch
solche Bürger seien der Gegenwart des Bundespräsidenten nicht mehr
würdig.
Sie seien «Oppositionelle», Neinsager. Präsidiale Huld gehört
den blindlings
Applaus spendenden, den professoralen «Südländer-Typen»,
die den
Mozzarella-Umsatz hochtreiben. So entschied er, der Bundespräsident aller
Schweizer.
Programme, Ideenwettbewerb, Rede und Widerrede sie haben ausgedient
in
jener Kopfnicker-Demokratie, wie sie den derzeit Mächtigen zu Bern
vorschwebt. Mit Mozzarella, nicht mit Programmen, nicht mit besseren Ideen
sei der SVP beizukommen, meinen sie. Herrliche Aussichten für die Wähler
im
Wahljahr 2003!
Ulrich Schlüer