Nr. 1, 11. Januar 2002

Ungefilterte Stimme aus der Nachbarschaft
D-Mark ade, (T)Euro tut weh

Was wurde nicht alles im Vorfeld der Einführung der Euro-Gemeinschaftswährung an Vorschusslorbeeren verteilt. Der schärfere Wettbewerb und die bessere Vergleichbarkeit von Produkten würden zu höherer Transparenz und damit im ganzen Euro-Land zu sinkenden Preisen führen, lobhudelte unisono unsere Politikerkaste.

Verbraucher, die bei der derzeit laufenden bundesweiten Umstellung von D-Mark auf künftige Euro-Preise aufmerksam durch die Geschäfte laufen, stellen indessen das Gegenteil fest: Allerorten und flächendeckend herrscht die Tendenz zur Preiserhöhung vor.

Abzockerei
EU-Kommission und deutsche Bundesregierung können noch so dringlich darauf verweisen, dass eine reine Währungsumstellung die Produkte des täglichen Bedarfs nicht verteuert. Wenn aber selbst die gesetzlichen Krankenkassen die Gunst der Stunde nutzen und Gebühren erhöhen, obwohl Behörden und staatliche Institutionen die Umstellung nicht mit unbegründeten Gebührenerhöhungen verbinden dürfen, bleibt beim Verbraucher die Einführung der neuen Währung als Zahlungsmittel mit dem faden Beigeschmack eines Preis- und Kostenschubs verbunden.

Ohnedies beäugt eine unveränderte Mehrheit der Deutschen das Ende der D-Mark mit äusserster Skepsis. Die anhaltende Euro-Schwäche gegenüber dem Dollar berechtigt zu anhaltendem Miss- trauen. Die daraus resultierende vorübergehende Rekordinflation im Jahr 2001 kann jederzeit zurück- kehren, da es zwar einen gemeinsamen Wirtschafts- und Währungsraum in der Euro-Zone gibt, aber keine abgestimmte Wirtschafts- und Finanzpolitik.

Als 1948 die Deutsche Mark die wertlos gewordene Reichsmark ablöste, war dies der Beginn einer beispiellosen Aufholjagd: Neuanfang, Wiederaufbau, soziale Marktwirtschaft à la Erhard, Wohlstand und soziale Absicherung, Aufstieg zur grössten Wirtschaftsmacht in Europa mit der härtesten Währung der Welt. Dagegen verbinden sich mit der Einführung des Euro-Bargeldes aus deutscher Sicht nur negative Erfahrungen: So war das Ja Deutschlands zur europäischen Währungseinheit der erzwungene Preis für die Zustimmung Frankreichs zur deutschen Einheit. Der Geldumtausch ist geprägt von der Gewissheit um den jämmerlichen Zustand der Europäischen Union, die demnächst auch noch eine Reihe weiterer maroder Staaten (Osterweiterung) verkraften soll. Massive Transfer- leistungen von West nach Ost werden nötig ­ auf Deutschland als Hauptfinancier kommt ein Kraftakt sondergleichen zu.

Wohl hat die Gemeinschaftswährung im Euro-Gebiet eine zuvor nie gekannte Stabilität des Preis- niveaus ausgelöst. Doch für Deutschland gilt derzeit das Gegenteil: Mit der Mark hatten wir schon wesentlich stabilere Verhältnisse. Auch steht hinter dem Euro kein einheitlicher politischer Wille, wie die unterschiedlichen Vorstellungen zur europäischen Zukunft zeigen.

Schlechte Vorzeichen
Das alles ist keine gute Ouvertüre für das Euro-Geld. Gleichwohl befindet sich der Euro nicht in einer Sackgasse. In der kann man umkehren. Für den Euro gibt es keine Umkehr. Euro-Land muss sich das Vertrauen der Märkte und die Akzeptanz der Bürger erst noch verdienen. Die Bringschuld für Vertrauen und Akzeptanz liegt bei der Politik, Vertrauen stellt sich nicht von selbst ein.

NID