Nr. 1, 12. Januar 2001

Der Bernbär hat ausgedient!

Jetzt geht's dem Bären an den Kragen. Herzog Berchtold V. von Zähringen hat 1191 seine Knechte auf die Jagd geschickt, mit dem Auftrag, ihm das erste erlegte Tier zu bringen, nach dessen Namen er die Stadt benennen werde. Es war ein Bär. Urkundlich belegt ist das erste Gehege für Berns Wappentier im Jahr 1441. Der rot-grün dominierte Gemeinderat hat nun an seiner Schlusssitzung des Jahres 2000 - ohne jeden erkennbaren Nutzen - beschlossen, dem Wappentier den Garaus zu machen und statt dessen ein simples «B» auf dem offiziellen Briefpapier erscheinen zu lassen.

Mag sein, dass diese Diskussion von den wahren Stadtproblemen ablenkt, gelöst werden diese damit jedoch nicht, denn die ganze Aktion verursacht lediglich Mehrkosten. Bern und der Bär sind miteinander unzertrennlich verbunden. Kommt als nächster Schritt die Entfernung der Bären aus dem Bärengraben?

Berchtold v. Zähringen, Gründer der Stadt Bern, würde sich ob dem gemeinderätlichen Vorhaben im Grabe umdrehen. Hoffentlich geht nun auch die Gutmütigkeit und Gemütlichkeit der Bernerinnen und Berner zu Ende, hoffentlich reisst ihnen endlich der Geduldsfaden, nachdem sie im Herbst leider wieder mehrheitlich rot-grün gewählt haben. In Bern sind Bären aus dem Stadtbild nicht wegzudenken. Überall erscheint der schwarze Mutz mit der heraushängenden Zunge - auf Wappen und Gebäuden, als Brunnenzier und Warenzeichen, als Beizenschild und sogar als Zeitung. Noch heute marschiert zu jeder vollen Stunde eine Glockenspiel-Bärenkohorte über den Torbogen des Zytglogge-Turms.

Nach der siegreichen Schlacht von Novara brachten Berner Soldaten 1513 in der Kriegsbeute auch einen Bären mit, der dann im Stadtgraben vor dem Käfigturm - dem heutigen Bärenplatz - untergebracht wurde. Seitdem wurden in der Stadt immer Bären gehalten, zwischen 1764 und 1857 befanden sich der zweite und dritte Bärengraben am Bollwerk, und selbst der heute amtierende Stadtpräsident wird immer wieder als «blonder Bär» bezeichnet. Ende des 18. Jahrhunderts schleppte die französische Besatzung die Bären mit dem Berner Staatsschatz nach Paris. Der heutige Bärengraben wurde 1856-1857 erbaut, das Stallgebäude in Form eines neugotischen Schlösschens mit Ecktürmchen und Zinnenkranz 1924 erstellt. Heute freilich hätten die Franzosen finanziell kaum mehr was zu rauben, denn die Stadtkasse weist rund 400 Millionen Franken Schulden aus.

Nebst einem neuen Wappen schmückt sich die Stadtverwaltung neu auch mit gut tönenden Namen. Die Fürsorge- und Gesundheitsdirektion wird neu zur «Direktion für soziale Sicherheit». Die Schuldirektion, deren Existenzberechtigung nach den laufenden Kantonalisierungen von Schulen in Frage gestellt war, heisst neu «Direktion für Bildung, Umwelt und Integration». Die Finanzdirektion wird sprachlich ebenfalls aufgewertet zur «Direktion für Finanzen, Personal und Informatik» (die Schulden werden jedoch in unveränderter Höhe belassen). Alter Wein in neuen Schläuchen, ist man geneigt zu sagen. Einige echte Veränderungen gibt es aber tatsächlich, und diese haben wohl eher den Zweck, die historische Vergleichbarkeit der Jahresabschlüsse der einzelnen Direktionen zu verunmöglichen. Die Badebetriebe verlassen z. B. die Polizeidirektion und gehen ebenso wie das Amt für Umweltschutz an die bisherige Schuldirektion. Die bisherige Bau- und Planungsdirektion wird geteilt. In der Direktion für Hochbau, Stadtgrün und Energie verbleiben der Hochbau, die Stadtgärtnerei und der Tierpark. Diese stark verminderte Direktion dürfte den Bürgerlichen verbleiben, währenddem die neue Direktion für Planung, Verkehr und Tiefbau der bisherigen grünen Finanzdirektorin Therese Frösch zufallen dürfte. Mit dieser Neuordnung geht denn auch die Ära der Stadtbetriebe zu Ende. Diese Direktion war seit sage und schreibe 1918 immer in sozialdemokratischer Hand und wird neu in grüne Hände fallen. Die Verkehrs- probleme dürften damit eher noch zunehmen. Man muss froh sein, wenn der Bär nicht selber davonläuft!

Thomas Fuchs, Stadtrat, Bern